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Tirol zwischen Lust und Frust - vom Leben auf der Alm
Spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts ist es fast unmöglich, sich dem Klischee vom "lustigen" Leben auf der Alm zu entziehen: zu viel wurde darüber geschrieben und geredet. Es fragt sich, ob damit eine wie auch immer geartete Realität abgebildet wird.
Es ist eine historische Tatsache, dass man die Almen mitsamt seinem Vieh nicht unbedingt aus Vergnügungssucht aufgesucht hat. Das Gegenteil ist der Fall: die höchsten Regionen wurden "bestoßen" (mit Vieh beschickt), weil der viel bequemere Talboden schlicht und einfach nicht genug Futter hergegeben hat. Die stetig wachsende Tiroler Bevölkerung und die damit steigende Nachfrage nach Nahrungsmitteln taten das Ihrige, um den Zwang zum alljährlichen Auf- und Abtrieb bis ins Unabdingliche zu steigern. Kurz gesagt: Ein Bauer ohne Alm oder Almnutzungsrechte war wie ein Fabrikant ohne Fabrik - chancenlos. Aufgetrieben wurde, was immer nur laufen konnte: Kühe, Ziegen, Schafe, ja sogar Schweine, Pferde und Hühner. Daheim blieb nur, was für die unmittelbare Nahrungsversorgung des Hofes notwendig war. Ziel war es in jedem Fall, einen möglichst großen "Almnutzen" zu erwirtschaften. Er bestand überwiegend aus Butter, Schmalz, Käse und gemästetem Fleisch - das brachte Geld und füllte die Speicher.
Die Arbeit auf der Alm
Geprägt war das "lustige" Almleben vor allem von Routine, fast Eintönigkeit. Die Arbeitsschritte glichen sich von Tag zu Tag und wurden nur durch Wetterunbill und sich verlaufende Tiere unterbrochen. Ebenso eintönig war die Almkost, die fast nur aus Milch, Butter, Käse und aus dem Tal angelieferten Brot, Mehl und Speck bestanden hat. Aber immerhin entstanden daraus heute so beliebte Tiroler Klassiker wie das "Melcher- oder Rahmmuas" (eine Art Kaiserschmarren, in der die Milch durch frischen Rahm ersetzt wird) oder die „Pressknödel“ (in Schmalz gebackene Käseknödel).
Das Leben auf der Alm
Trotz dieser eigentlich wenig erbaulichen Umstände, erlag aber auch das Almvolk selbst der Faszination ihres entlegenen Arbeitsplatzes. Diese bestand schlicht und einfach darin, dass es der rigiden Kontrolle durch ihren Dienstherren, staatlichen und vor allem kirchlichen Organe so gut wie enthoben war. Auf der Alm war man sein eigener "Herr": Solange man seine Pflichten erfüllte, konnte man eigentlich tun was man wollte. Genau das besagt die Redewendung von der Alm ohne Sünd': Wo kein Kläger, da kein Richter. Das gilt natürlich vor allem für die Vergnügungen - und je größer die Anzahl der Männer und Frauen, welche die Alm betrieben haben und je näher die nächste Alm gelegen war, desto lustiger ist es auch tatsächlich zugegangen. Von regelmäßigen Tänzen ist die Rede, vom Kegelspielen, vom Branntweintrinken und Musizieren. Kein Wunder, dass solche Almen gerade von jungen Leuten aus dem Tal mit Vorliebe besucht worden sind und kein Wunder auch, dass die Almerer unter dem Generalverdacht standen pausenlos "Unzucht" zu treiben. Aus heutiger Sicht setzten sie damit allerdings lediglich einen Kontrapunkt zu ihrem fast fließbandmäßigen Arbeitsalltag aus Melken, Buttern, Käsen und Tierhüten.
Der Mythos des Almlebens
Als städtische Autoren vor allem aus dem deutschsprachigen Raum dieses Leben entdeckten, war kein Halten mehr - schließlich glaubten sie ein urtümliches "Arkadien" entdeckt zu haben, das so gar nicht ihrer eigenen bürgerlichen Beschränktheit entsprochen hat: Der Mythos vom lustigen und freien Almleben und auch von der schönen Sennerin war geboren, der bis heute lebt. Und das, obwohl das Almleben in den letzten Jahrzehnten "prosaischer" geworden ist. Durch Alm- und Forstwege, durch Lastenlifte, Telefon oder Handy ist der Kontakt zum Tal einfacher geworden: kaum ein Almerer ist heute mehr wirklich abgeschnitten. Und auch das Buttern und Käsen erfolgt heute überwiegend unten im Tal. Aber trotzdem: die Faszination ist geblieben - für das "Almvolk" und auch für die Wanderer, welche die Almen sommers über geradezu stürmen. Offensichtlich ist es der Geschmack von Freiheit, den jeder gerne einmal spüren möchte.
Almabtriebe: Farbenprächtiges Spektakel
Dazu tragen auch die prächtigen Almabtriebe bei: Buntgeschmücktes, mit Glocken und Schellen ausgestattetes Almvieh kündet lautstark von einem geglückten Sommer, und Bauernmärkte, Musik und Tanzveranstaltungen tun das ihrige, um das einmalige Ereignis zu einem rauschenden Fest zu machen. Der Mythos Alm lebt.



