WANDERARTEN - SCHNEESCHUHWANDERN
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Winterwandern im Watschelgang - auf "Schneerafn" den Nationalpark Kalkalpen entdecken
Skifahren ist nicht jedermanns Sache. Für Urlauber, die trotzdem Winterfreuden genießen wollen, gibt es jetzt eine Alternative: Schneeschuhwandern. Ohne einzusinken geht es auf breiten Laufflächen bis in die entferntesten Winkel der Alpen.
Da liegen sie vor mir - nagelneue Schneeschuhe. Alu-Rahmen, Neopren-Lauffläche so groß wie ein Tennisschläger, die Bindung ähnlich wie beim Langlauf-Ski. Noch bin ich skeptisch, blicke zaghaft auf die verwirrend vielen Riemen und Klettverschlüsse. Bergführer Rupert Stummer bemerkt meine Ratlosigkeit und befestigt mit wenigen Handgriffen meine Bergschuhe an den türkisfarbenen Trittflächen. Vorsichtig gehe ich ein Stück vorwärts, setze Schritt vor Schritt auf das verharschte Schneefeld, das hier oben am Hengstpass meterhoch auf den Almwiesen lastet, balanciere immer wieder kleine Unsicherheiten mit den beiden Skistöcken aus. Und siehe da, es klappt auf Anhieb. Ich kann mich in dem winterlichen Gelände bewegen, ohne einzusinken, komme gut voran, ohne mir über gespurte Loipen oder geräumte Wege Gedanken machen zu müssen. Gewöhnungsbedürftig ist nur der breite Watschelgang, der ein wenig an Donald Duck erinnert.
Als neues Sportgerät sind sie aus Kanada und den amerikanischen Rocky Mountains herübergeschwappt: Schneeschuhe aus raumfahrterprobten High-Tech-Materialien, für die man im Sportgeschäft gut und gerne € 200 hinlegen muss. Dafür gelten sie als ideale Alternative für Urlauber, die dem hektischen und lärmenden Treiben auf den Skipisten entfliehen wollen und Stille und Waldeinsamkeit suchen. "Mit Schneeschuhen erreicht man völlig unberührte Orte, wo sonst niemand hinkommt," bestätigt Rupert Stummer. Um gleich warnend hinzuzufügen: "Größere Touren sollte man nie ohne Bergführer machen!" Zu groß ist die Gefahr, dass man sich verirrt, wenn man von den normalen Wanderwegen abweicht. Außerdem setzen sich bergunerfahrene Urlauber schnell Lawinengefahren aus und scheuchen unnötig das Wild hoch.
Schweigend stapfen wir über Forstwege, vor uns jungfräulicher Schnee ohne Ski- oder Fußabdruck. Nur auf die Spuren von Rehen, Füchsen und Eichhörnchen weist Rupert Stummer gelegentlich hin. In etwa 1.100 Metern Höhe markiert ein Schild die Grenze zum Nationalpark Kalkalpen. Die Sonne hat an diesem schönen Wintertag bereits ihren höchsten Punkt erreicht. Schmelzwasser tropft von Zweigen und Tannenzapfen und hinterlässt kleine Vertiefungen im Schnee. Plötzlich ist es vorbei mit der Gemütlichkeit. Rupert Stummer weicht nach rechts ab in den Steilhang des 1.433 Meter hohen Zeitschenberges - die Nagelprobe für mich und meine neuen Schneeschuhe.
Die Neigung des Hanges entspricht etwa der einer Treppe in einem normalen Wohnhaus. Die Stufen fehlen hier zwar, trotzdem können wir in gerader Linie auf den Gipfel hinaufkraxeln. Möglich wird dies durch Harscheisen an der Unterseite der Lauffläche, die sich kraftvoll in den Schnee krallen, so dass man nicht zurückrutschen kann. Nach dem schweißtreibenden Aufstieg folgt oben die Belohnung: Vom Gipfelkamm genießen wir den Rundum-Blick auf die schneebedeckten Gipfel des Toten Gebirges, auf Ennstaler Alpen und Hochschwab. Zu unseren Füßen das "Land der Hämmer", die stillen, teils unzugänglichen Täler der Pyhrn-Eisenwurzen. Schnell fließende Flüsse wie Enns, Steyr, Teichl und Krems durchschneiden Wälder, Almen und karstiges Vorgebirge. Ihre Wasserkraft hat schon zu Kolumbus' Zeiten Hammerwerke und die Mühlen von Drahtziehern und Sensenschmieden angetrieben. Heute führt die "Eisenstraße" durch die Pyhrn-Eisenwurzen. Am Wegesrand können Interessierte alte Huf- und Hackenschmieden, Kalköfen, Stollen, Mautrommelwerkstätten und Wassermühlen besichtigen.
In dieser alten Kulturlandschaft haben Schneeschuhe eine lange Tradition. Bis vor neunzig Jahren kannte man Skier in den Tälern der Eisenwurzen kaum. Seit jeher haben Bauern, Jäger und Förster aber "Schneerafn" verwendet - die Vorläufer moderner Schneeschuhe aus runden Holzrahmen, in die gegerbte Tierhäute gespannt wurden. Kaum verwunderlich, dass sich in dieser Region recht eigenständige Bräuche erhalten haben. So findet alle zwei Jahre am Vorabend zum 6. Dezember in Windischgarsten der "Niggl-Umzug" statt, bei dem allerlei finstere Gestalten in Reisigmänteln und mit Ruten und Buckelkörben ausgestattet durch die Straßen ziehen. Die heidnischen "Niggln" sollen Geister aus dem Totenreich sein. Mit lärmenden Geräten ziehen sie zum Marktplatz und berühren mit ihren Ruten den Boden, um die Fruchtbarkeit zu wecken.
Aber auch ein neuerer Brauch zieht mit seinem weihnachtlichen Lichterglanz zahlreiche Besucher an. Aus dem romantischen kleinen Marktplatz von Steinbach an der Steyr wird nämlich alljährlich ein strahlend leuchtender, großer Adventskalender. Die Fenster von sieben Häusern werden mit vorweihnachtlichen Motiven liebevoll geschmückt. Täglich um 17 Uhr wird eines davon unter Glockengeläut geöffnet und bringt dann die Augen der Zuseher zum Glänzen.
Für Rupert Stummer und mich heißt es nun, vom Zeitschenberg Abschied zu nehmen. Ähnlich unproblematisch wie der Aufstieg wird auch der Abstieg - die starken Zähne des Harscheisens bannen jede Rutschgefahr. Munter stapfen wir zurück zum Hengstpass. Es wird sicher nicht mein letzter Ausflug auf Schneeschuhen gewesen sein.
Basis-Informationen
Anreise
Den Nationalpark Kalkalpen bzw. die Ferienregion Pyhrn-Eisenwurzen erreicht man mit dem Auto von Salzburg bzw. Wien her über die A1 bis zum Voralpenkreuz, anschließend über die A9, die Pyhrnautobahn und ab Kirchdorf auf der B 138 Richtung Graz. Mit dem Zug erreicht man die Region am Besten über Linz und anschließend auf der Pyhrnbahn Richtung Selzthal. Nationalpark
Kalkalpen
Das 20.800 Hektar große Reservat ist nicht nur der jüngste und waldreichste, sondern auch einer der schönsten Nationalparks der Alpenrepublik. Tausende Tierarten leben in und über den Tälern des Sengsen- und Hintergebirges. Manche von ihnen gibt es anderswo kaum noch wie zum Beispiel Steinadler, aber auch Braunbären, Luchse, Auerhühner oder Alpensalamander.
Text: Manfred Kunst
Auskunft
Nationalpark Zentrum Molln, Nationalpark Allee 1, A- 4591 Molln,
Tel.: +43/(0)7584/3651
Fax +43/(0)7584/3654
E-Mail: nationalpark(at)kalkalpen.at
Internet: www.kalkalpen.at



