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Die Uhrzeiger von Novi Sad - kulturelles Leben in der serbischen Donau-Stadt
von Dagny Riegel
Auf dem "Trg slobode", dem Platz der Freiheit, sonnen sich einige Rentner auf den verschnörkelten Bänken, werden Kinderwagen in schlaffreundlichem Tempo über den Asphalt geschoben, trinkt man da und dort einen Kaffee. Im Herzen der Stadt kommt es mittags jedenfalls nicht zu Rhythmusstörungen. Niemand hetzt mit Handy am Ohr zurück ins Büro, keiner rempelt sich an Langsameren vorbei.
Läuft die Zeit anders in Novi Sad?
Diese Frage stellt man sich spätestens bei einem prüfenden Blick auf die Turmuhr der Petrovaradin-Festung, die auf einem Hügel hoch über dem rechten Donauufer liegt. Stunden- und Minutenzeiger sind vertauscht. Gedankenspiele über Versinnbildlichungen beiseite, hat dies zunächst einen sehr praktischen Nutzen: Die Donauschiffer erkennen leichter die grobe Uhrzeit.
Wie es sich mit anderen Fragen nach der Zeit verhält, lässt sich auch von hier oben schwer ausmachen. Anders als meist in größeren Städten Deutschlands trifft man auffällig entspannte Menschen, in aller Ruhe widmen sie sich gerade der gemeinsamen Mittagspause, wird Gebäck, Obst, belegtes Brot gegessen und gern auch eine Zigarette geraucht. Eine Katze schläft eingerollt auf der Festungsmauer, und hinter den lichtgrün bepflanzten Eingängen der Ateliers warten die Kunstwerke auf Käufer. Noch wohnen und arbeiten die Künstler mietfrei in den 88 einfachen Steingewölben. Was im Sommer mit grandiosem Blick auf Donau und Dächer und mit Geselligkeit auf der lauen Terrasse Romantik aufkommen lässt, ist im Winter ein karges Leben auf engem Raum mit der Kunst.
Künstlerschicksal im heutigen Serbien
Svetozar Saša Kovačević ist Komponist und hat eine Professur an der Kunstakadmie Novi Sads. Er lebt bereits seit sieben Jahren in der Festung und sieht sich mit seinem niedrigen Einkommen nicht in der Lage, in der näheren Zukunft komfortablere Lebensbedingungen zu schaffen. Der stille Mann von Mitte 50 wirkt trotz seiner Masse nicht wirklich raumfüllend, fest auf dem Boden stehend. Er strahlt eine freundliche Traurigkeit aus, als er CDs mit seiner Musik verschenkt. Seine Musik auch.
Pessimistisch schätzt Saša die Lage der kreativ Schaffenden im internationalen Kontext ein. Er empfinde Serbien weiterhin als isoliert, was den künstlerischen Austausch anbelangt, sagt er den Besuchern aus Deutschland.
Einen anderen Eindruck macht das Atelier am hinteren Ende der Promenade. Hier wohnt und wirkt ein Maler, außerdem eine dekorative Siamkatze, die farblich mit den Gemälden harmoniert. In der Spüle stapelt sich Geschirr vom Frühstück. Heitere Musik wird eingeschaltet und noch ein zusätzlicher hellerer Strahler. Die in Beige- und Brauntönen gehaltenen, archaischen Motive auf den Leinwänden über der Eingangstür ziehen Komplimente auf sich. Sie sind nicht vom Maler selbst, sondern von seiner Tochter. Wie er nicht ohne Stolz erzählt, lebt und studiert sie in Rom.
Kulturveranstaltungen in Novi Sad
Auch in der Innenstadt ergeben sich verschiedene Bilder über den Lauf der Zeit in Serbien. Von der Bombardierung der durch die NATO 1999 sieht man kaum noch etwas. In der Hauptsache sind es bloß noch die Rückseiten der oft frisch gestrichenen Fassaden, die einem einen Blick auf die Vergangenheit gewähren. Man findet sie vor allem in den zahlreichen Passagen, die zu den Besonderheiten der Stadt zu zählen sind. Seit dem Sommer 2005 gibt es eine neue Donaubrücke, an vielen Stellen wird renoviert, und auf dem zentralen Stadtplatz bauen junge Männer Bühne und Lautsprecher für eine der vielen Kultur-Veranstaltungen auf.
Ganz Stadt von Welt, ist Novi Sad einmal jährlich im Juli. Für vier Tage brodelt es, wenn Hunderttausende zum größten internationalen Rock- und Pop-Festival Südosteuropas auflaufen. Das Spektakel namens "Exit" lässt kein Staubkorn auf dem anderen in den Mauern der Petrovaradin-Festung, die im 18. beziehungsweise teilweise noch 17. Jahrhundert errichtet wurde. Diese wunderbare Kulisse hat auch den Vorteil, dass es zur Erholung von der Dezibelladung ein Flussufer in der Nähe gibt.
In Novi Sad findet man sogar einen waschechten Strand mit feinem Strandsand und Strandsport. Er liegt am südlichen Abschnitt des Donauufers und heißt auf Serbisch "Štrand", so dass sich die Suche durch den Namen nicht unnötig verkompliziert.
Über die Landesgrenzen hinaus für Aufmerksamkeit sorgen des weiteren die jährlichen Theaterfestspiele, die im Serbischen Nationaltheater Stücke einheimischer Dichter zur Aufführung bringen. Sogar mit einem Kulturrekord kann die 300000-Einwohner-Stadt aufwarten. 1826 wurde die Bibliothek "Matica sprska" gegründet, die auch das Magazin "Letopis" herausbringt: die älteste Literaturzeitschrift Europas.
Es tut sich viel zurzeit in der Stadt mit 13 Hochschulen, unzähligen Ausstellungen und Aktivitäten: viel Altes scheint renoviert und bewahrt zu werden, während überall Initiativen für Neues laufen. Sie wachsen offenbar gut an und gedeihen im günstigen Klima der lateinsch als "Neoplanta", "Neuer Weingarten" bezeichneten Donaustadt.
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