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Ägypten - Tourismus und Naturschutz am Qarun-See
(01. 12. 2010)
Schnelles Wachstum durch Massentourismus? Oder ein ökologisch verträglicher Fremdenverkehr, der in ein Konzept nachhaltiger Entwicklung eingebettet ist? Diese beiden Alternativen prägen die aktuelle Diskussion um die touristische Zukunft des Qarun-Sees in der Oase Al Fayyum. Der aktuelle Trend im Umgang mit dem rund 90 Kilometer südwestlich von Kairo gelegen Naturschatz geht leider unverkennbar in Richtung "schneller Profit" - und dies, obgleich der See als ökologisches Schutzgebiet ausgewiesen ist. Der Widerspruch wird durch eine Sonderklausel in Ägyptens Gesetz für Naturreservate möglich.
Ein Vogelparadies und mehr
Der 230 Quadratkilometer große Qarun-See ist unter Touristen u. a. als "Vogelparadies" bekannt. Zur einheimischen Vogelwelt gesellen sich im Herbst und Winter tausende Zugvögel, die hier Nahrung, Schutzräume und Brutplätze finden. Auf Vogelbeobachtungs-Touren kann man u. a. Flamingos, Grau-und Löffelreiher sowie zahlreiche Enten-Arten bestaunen. BirdLife International, der Welt-Dachverband der Vogelschutzverbände, hat dem Qarun-See als "Important Bird Area" eingestuft. Die besondere Schutzverpflichtung des ägyptischen Staates gegenüber dem vogelartenreichen See leitet sich u. a. aus der Unterzeichnung der internationalen Biodiversitäts-Konvention ab, die auf den Erhalt biologischer Vielfalt abzielt.
Nördlich des Qarun-Sees gibt es zudem eine archäologische Fundstätte ersten Ranges: die Jebel-Qatrani-Formation. Die UNESCO erwägt, dieses Gebiet zur Welterbestätte zu erklären. Vor Ort wurden u. a. sehr gut erhaltene Fossilien von "terrestrischen Primaten" (also Affenarten, die bereits nicht mehr in den Bäumen lebten) und Sumpfland-Säugetieren gefunden - Funde, die für das Verständnis der evolutionären Vorgeschichte des Menschen von großer Bedeutung sind. Im letzten Jahr wurde überdies ein komplett erhaltenes Wal-Fossil freigelegt. Die Funde sind umso bemerkenswerter, als bisher nur ein Buchteil des potentiellen Ausgrabungsgebietes genutzt wird.
Ökologische Beeinträchtigungen im Naturschutzgebiet
Nach Ägyptens Gesetz für Naturreservate ist es verboten, deren natürliche Ressourcen (Tier- und Pflanzenwelt, Gewässer, Böden etc.) zu zerstören, zu beseitigen oder zu verschmutzen. Freilich gibt es im Gesetz eine einschränkende Schlussklausel, die lautet: "…unless permission is obtained from the relevant authorities." (" … sofern keine [Ausnahme-]Genehmigung von den zuständigen Behörden vorliegt").
Am Qarun-See wird von der Möglichkeit behördlicher Sondergenehmigungen allzu häufig Gebrauch gemacht. Eine Folge: Teile des Sees sind von extensivem Tourismus in Beschlag genommen. Viele Lebensräume für Wasservögel wurden in der Folge verdrängt (etwa durch Hotel- und sonstige Bauten direkt am Ufer) oder verschmutzt (etwa durch "wilde" Entsorgung von Baumaterialien auf Sumpfgebiet). Am Nord- sowie am Südwestufer des Sees wird die touristische Nutzung auf Hunderten von Hektarn weiter vorangetrieben. Aktuelle Entwicklungspläne am Nordufer stoßen auch deshalb auf Kritik, weil sich hier eine unberührte "Wanderwüste" (rolling desert) befindet.
Analysten, nicht nur "verengt" ökologisch denkende, betrachten die gegenwärtigen Entwicklungsprozesse und -pläne als wenig tragfähig. Aus ihrer Sicht mindert die Untergrabung der ökologischen Qualität des Sees (Vogelarten-Vielfalt, "landschaftliche Unberührtheit" usw.) auch seine touristische Attraktivität, so dass sich gleichsam die Katze in den Schwanz beißt.
Alternativen - bisher nicht ernsthaft berücksichtigt
Ein Konzept für eine ökologisch verträgliche und damit nachhaltige touristische (und fischwirtschaftliche) Nutzung des Sees gibt es bereits. Es wurde von einer Gruppe italienischer Forscher über fünf Jahre lang entwickelt, findet aber leider in der Praxis kaum Berücksichtigung. Das Konzept sieht u. a. Jagdverbote, die Förderung traditioneller Fischerei, die Einschränkung von Wassersportaktivitäten und die Einrichtung eines expliziten Vogelschutzgebietes vor. Auch Öko-Lodges als bevorzugte Touristen-Residenzen sind Teil des Konzepts, ebenso wie ökologisch orientierte Vogelbeobachtungs-Touren und Wüstensafaries (Link).
Foto: Restaurant am Qarun-See. Urheber: tamra hays, Lizenz: creative commons/share alike.
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