ITALIEN - URLAUB IN TRENTINO-SÜDTIROL
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Marzemino und Mountainbike (Teil 2)
Zurück zum Hotel. Denn dort steht die erste offizielle Verkostung an. Umrahmt von einem sechsgängigen Menü, das für die Winzer arrangiert wurde. Wir dürfen uns anschliessen. Es gibt unter anderem hausgemachte Ravioli mit Gewürzkräutern und Speck, Kalbsrückenbraten mit Salbei und eine Verkostung von typisch Trentiner Käsesorten: Puzzone, Casolet und Vezzena. Freund Chris hält jeden Gang, jeden liebevoll arrangierten Teller, jedes Grappa-Etikett fest. Mit seiner Digitalkamera. Dabei entgeht ihm allerdings der unvergleichliche Nachtisch. Pannacotta mit Zitronenmelisse. Wahrhaft italienische Momente.
Am nächsten Tag wollen wir wandern. Allerdings ohne die Weinkenner, die dem kleinen Ort Isera zustreben, um eine lokale Winzergenossenschaft zu besuchen. Die natürlich zur Verkostung lädt. Mögen sie sich über den echten und den falschen Mehltau austauschen. Und darüber rätseln, warum Italiener den bei uns eher weniger beachteten Müller-Thurgau so schätzen. Der wird nämlich auch im fruchtbaren Vallelagarina, dem Tal um Rovereto, angebaut und von den Einheimischen verzückt Mullrrr genannt. Was irgendwie an Torjubel erinnert. Derweil jubeln auch die Winzer beim Anblick seltener Grappe (Mehrzahl von Grappa, wie immer wieder gerne ausgeführt wird), die das abendliche Festmahl abrunden.
Das Trentino weiß, dass es schön ist. Jeden Tag spiegelt es sich im Gardasee. Mit diesem beschaulichen Slogan werben die Marketingleute des Trentino-Tourismus für den eher unbekannten Süden ihrer autonomen Region. Unbekannt? Der Gardasee, den sie hier auch den See der Deutschen nennen. Wohl kaum! Aber wie Chris und ich wissen wohl viele Italienurlauber nicht, dass der nördliche Zipfel des Gewässers, das schon die alten Römer dank üppiger Flora und mediterranen Klimas zu schätzen wussten, zum südlichen Trentino gehört.
"Kennst du das Land wo die Zitronen blühen?" fragte bekanntlich schon der Italientourist Goethe, der vor über 200 Jahren am Gardasee logierte. In Torbole, wo er laut Tagebucheintrag emsig an seiner "Iphigenie" dichtete. Damals dürfte Torbole - irgendwie musste ich immer an Trubel denken - noch gemütlicher gewesen sein. Billigpizza, Bildzeitungsschlagzeilen und Boutiquen säumen die Uferstrasse, über die ein unablässiger Strom von Motorrädern, und Mietwagen fliesst. Viele Autos mit deutschem Kennzeichen auf dem Schild und Fahrrad oder Surfbrett auf dem Dach. Bisweilen staut sich dieser Urlauberverkehr rück. Viele Kilometer ins untere Etschtal, das zwischen Calliano und Ala auch Lagarinatal genannt wird.
Chris und ich sind mit dem Bus gekommen. Hinab durch den üppigen Garten des Trientiner Kessels, der Etsch entlang. Zu beiden Seiten des Flusses hohe Berge und prächtige Burgen - Beseno, Nomi, Nogaredo ... und bei Ala das berühmte Castelbarco, wo einst Dante logierte und Verse schmiedete. Ein früher Fall von Product Placement, denn die Region ist in der "Göttlichen Komödie" erwähnt. Mit einem Erdbeben! Thomas Mann soll am Gardasee Teile von "Tonio Kröger" geschrieben haben. Auch sein Bruder Heinrich, Nietzsche, Rilke, Kafka und viele weitere wackere Künstler waren da. Sie haben gedichtet, geflirtet, gefaulenzt. Doch Freund Chris und ich interessieren uns heute weder für ehrwürdiges Gemäuer, noch für hohe Literatur. Wir mieten ein Mountainbike. Denn der Gardasee ist mitnichten nur ein Paradies für Freunde des Wassersports. Um den nödrelichen See gibt es viele herrlich ausgebaute Radwege. Nichts für Surfer, denn die sind nur begeistert von den hiesigen Windverhältnissen. Weht doch pünktlich am frühen Nachmittag ein besonderes Lüftchen. Eine steife Brise namens "Ora" testet die Fähigkeiten von Mann und Segel.
Ein kleiner Tipp: Wer mehr über diesen und andere Winde erfahren möchte, sollte in Riva del Garda das liebevoll gestaltete Familienmuseum besuchen. Von den Flugapparaten des Leonardo da Vinci über die Funktionsweise des Heissluftballons bis hin zur Windmaschine mit Segel-Simulation: Hier gibt es den Wind quasi zum Anfassen.
Chris hingegen hat lieber meinen Windschatten geduckt, als wir von Torbole nach Riva del Garda gestrampelt sind. Arco rechts liegen lassend. In Riva sind wir durch die gemütliche Altstadt gelaufen und auf der Terasse des Grand Hotel bei einem Milchkaffee gesessen. Später haben wir uns über eine Gruppe deutscher Journalisten amüsiert, die fröhlich aus einem Spezialitätengeschäft mit gesticktem Schaufensterschild Lega antianalcoolica (zu deutsch etwa: Anti-Anti-Alkohol-Liga) kamen.
Nach üppigem Mittagsmahl direkt am See hat uns eine freundliche Politesse noch einen Abstecher nach Arco empfohlen. Ein guter Rat. Allerdings: Den sicherlich lohnenswerten Besuch der Stiftskirche Santa Maria Assunta und der berühmten Burg haben wir uns gespart. Ebenso das Tohouwabohou von Veroneser Plünderern, okkupierenden Tirolern und genesenden Habsburgern. Eine lebhafte blonde Reiseleiterin mit charmantem italienischem Akzent spult diese Daten, Fakten, Königreiche für eine Gruppe intersessierter Kulturtouristen ab. Denn Arco liegt in einer geschichtsträchtigen Gegend und ist zudem ein traditioneller Kurort mit heilenden Quellen, schönen Villen, stillen Parks und einem erzherzöglichen Arboretum. Das ist eine Baumsammlung. Ein Erzherzog wie Albert von Österreich gab sich schließlich nicht mit dem Sammeln kleiner gepresster Blätter zufrieden.
Chris und ich sammeln unsere Kräfte nach einer kleinen Bergetappe. In einer der vielen Eisdielen. Bestimmt hat Arco die höchste Gelateria-Dichte im ganzen Trentino. Da sitzen wir an der Etsch, lassen die Sonne scheinen und die Free Climber ihrem fingerfertigen Hobby nachgehen. Bei Arco ist ein wunderbarer Kletterpark. Wir sehen die kleinen Spidermänner in der Ferne.
Spätnachmittags in Arco flanieren sie dann alle friedlich durcheinander. Die Kulturbeflissenen, die Felsenbegeisterten und die Radfahrer. Nebenbei beginne ich noch eine kleine Fotosammlung: Eis essende Mountainbikerinnen! Ein schönes Motiv.
Ein prächtiger sonniger Tag am Gardasee. Auch wenn wir nicht in Tenno, Nago, Dro und Nago waren. Lauter sehenswerte kleine Orte im Garda Trentino, wie wir zurück im Hotel in einem Touristenprospekt lesen. Dort erfahren wir auch, dass der Gardasee 370 Quadratkilometer Wasserfläche bei einer maximalen Tiefe von 346 Metern hat. Und majestätische Berge. Diese besondere Lage würde ihm "das Aussehen eines wilden skandinavischen Fjords" verleihen. Das ist uns leider nicht aufgefallen. Wir werden das sicherlich bei unser nächsten Tour überprüfen.


