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London: Straßen-Lebens-Kunst bunt und live
von Dagny Riegel
Zuerst ertönt Gesang, irgendein britischer Popsong, dann erblicken wir den Mann dazu: Er trägt eine gelbe Lockenperücke auf dem geröteten Kopf, vor dem Bauch hält er eine viel zu kleine Kinder-Gitarre aus Plastik. Zusammen mit den Schwimmflossen an seinen Füßen übertönt seine Erscheinung die Musik jedenfalls um ein Vielfaches.
Wir sind in Notting Hill auf dem sonntäglichen Flohmarkt. Außer Silberbesteck, alten Fotos und Gemälden, anderen Sammlerstücken und natürlich jeder Menge Snacks werden hier auch nicht-materielle Schnäppchen geboten: Wie in der ganzen Londoner Innenstadt warten an jeder Ecke musikalische, akrobatische oder einfach komische Darbietungen. In den seltsamsten Kostümen wird um die Gunst des Publikums und ein paar Pennys gebuhlt.
In der Nähe der National Gallery hat sich ein riesiger Pulk von Menschen versammelt – was bei uns eher Anlass zur Sorge und eventuell Hinweis auf Unfall, Rangelei oder ähnliches wäre, ist in London meist lediglich Zeichen für gute Unterhaltung. Während sich in der National Gallery Besucher vor Gemälden vom 13. - 19. Jahrhundert vorbeischieben, passiert ein paar Meter weiter live Kunst des 21. Jahrhunderts, des 21. Februars, um genau zu sein.
Ein junger Mann mit nacktem Oberkörper lässt sich von den Zuschauern mit Ketten und allem möglichen Schickschnack fesseln, um sich behände selbst wieder zu befreien. Was sich in zwei Sätzen zusammenfassen lässt, ist Stoff für eine Show von einer guten halben Stunde Länge. Der Mann befreit sich und fesselt dabei gekonnt mit einem nicht endenden Redeschwall sein Publikum. Gegen eine kleine Spende, wie in den meisten Museen auch; der Eintritt ist auch dort frei und erfreut sich umso größerer Beliebtheit.
Am Themse-Ufer wimmelt es nur so von Menschen, die die ersten Strahlen der Frühlingssonne abzufangen versuchen. Dafür haben viele Frauen – ungerührt von den Temperaturen um 10 Grad – bereits Schultern und Füße bloßgelegt. Die Straßenkünstler sind zumeist noch recht dick verpackt; ein Arbeitstag im Freien ist vor allem für die beinahe unbeweglichen Pantomimen auf ihren Podesten eine Zitterpartie im Winter. Gleich mehrere tragen die gleichen dicken Kostüme, die mit einer metallischen Schicht überzogen sind und recht gut gegen Kälte schützen, aber nach der dritten Wiederholung auch kein Publikum mehr anlocken. Ein wahrhaft trauriger Anblick, der dem ein oder anderen hoffentlich doch ein paar Münzen aus der Tasche lockt. Was gibt es schon Deprimierenderes als einen Pantomimen, der auf einer völlig überfüllten Promenade nicht einen Zuschauer hat?
Vielleicht kommt lustig aber einfach besser an in Krisenzeiten – zumindest hat der Mann in weißen Strumpfhosen unter reichlich kurzem Tutu eher Probleme, sich weiblicher An-Griffe Richtung Hinterteil zu erwehren. Da hilft auch sein Bobbyhelm nicht viel ...








