REISEBERICHTE AFRIKA - KILIMANJARO: TREKKING & GIPFELSTURM
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Die weißen Hügel Afrikas – den Kilimanjaro hinauf
Text/Fotos: Stefan Raake
Der Kilimanjaro, mit gut 5.900 Metern der höchste Berg Afrikas und höchster freistehender Berg der Erde, hat sich in den vergangenen Jahren zum beliebten Trekkingziel entwickelt. Im Jahr 2007 versuchten über 20.000 Bergwanderer auf eine der fünf Hauptrouten den Berg zu erklimmen.
Die vermeintlich leichteste Strecke ist die knapp 70 Kilometer lange Marangu-Route, die durch den Kilimanjaro National Park führt, mit Lodges (Berghütten) versehen ist und von knapp der Hälfte aller Bergtouristen gewählt wird. Auf dieser Route scheitern jedoch geschätzte 50 Prozent. Denn aufgrund der einfachen Streckenführung mit größtenteils befestigen Wegen wird gerne der sinnvolle zusätzliche Akklimatisierungstag weggelassen.
Statt die Tour in sechs Tagen mit einem Tag Pause auf 3.700 Meter anzugehen, versuchen viele die Fünf-Tage-Variante. Einsetzende Höhenkrankheit oder deren Symptome wie Kopfschmerzen, Schwindel, Orientierungsprobleme oder Übelkeit zwingt viele in der entscheidenden Gipfelnacht irgendwo zwischen 4.700 und 5.600 Metern zur Aufgabe.
Nicht alle überleben den Versuch der Gipfelbesteigung. Zum Jahrtausendwechsel versuchten über 1.000 Bergtouristen ihr Glück, zwei starben und über dreißig wurden verletzt. An normalen Tagen steigen 70 bis 100 Wanderer hinauf.
Dieser Gefahren waren wir uns bewusst, als wir uns im März 2008 zu fünft auf den Weg machten, um hoffentlich innerhalb sechs Tagen über die Marangu-Route den Kilimanjaro zu meistern. Ausgesprochene Bergerfahrung kann keiner von uns vorweisen. Ich hatte im Jahr zuvor ein Nepaltrekking in gut 4.900 Metern bewältigt, war in den Dolomiten wandern und fühlte mich nun bereit für weitere „Höhepunkte“. Ist das nun Leichtsinn oder kalkuliertes Risiko? Wohl eher letzteres: Die eigenen Möglichkeiten – und Grenzen – erfährt man nun mal am besten durch probieren. Und den nötigen Respekt bringen wir alle mit. Joe Simpson beschreibt es in der Dokumentation „Sturz in Leere“ recht treffend: „Normalerweise leben wir ohne großes Risiko, aber bewusst kalkulierte Risiken bringen Abwechslung in diese Eintönigkeit. Man fühlt sich dann in gewissem Sinne lebendiger.“
So machen wir uns mit Guide, Assistenten, Koch und Portern – insgesamt 14 Begleitpersonen – an den Aufstieg. Die Besteigung des Kilimanjaro ist nur mit lizenzierten Führern (Guides) möglich. Alle Guides müssen regelmäßig Prüfungen, unter anderem in Notfallmedizin, ablegen. Am Gipfeltag begleiten uns Assistenz-Guides, falls einzelne Mitglieder einer Gruppe wegen Höhenkrankheit, Erschöpfung oder Unfall den Aufstieg abrechen müssen.
Die Porter (Träger) übernehmen den Großteil des Gepäcks, vorgegeben von der National-Park-Verwaltung sind maximal zwanzig kg pro Porter. Und die sind schnell beisammen: Trekkinghose(n), Shirts, Fleecejacke, warme Unterwäsche, Schlafsack, Anorak, Regenzeug, Stirnlampe, Reiseapotheke, regensichere Reisetaschen, Kamera – die Ausrüstung reicht für zwei Reisen: Karibik-Urlaub und Skifahren in den Alpen. Der Veranstalter hat zu Recht auf möglichen „Komfortverzicht“ während der Tour hingewiesen. Deshalb gehören als Nahrungsergänzung Müsliriegel und Vitamintabletten ebenfalls ins Gepäck, während auf Duschzeug verzichtet werden kann. Es gibt keine Duschen.
Nach einer vierstündigen Wanderung durch imposanten Regenwald vom auf 1.840 Meter hohen Marangu-Gate erreichen wir am ersten Tag der Tour die Mandara-Hütte auf 2.700 Meter. Das Essen stellt sich als ordentlich heraus. Große Portionen, viele Kohlenhydrate. Nudeln, Reis, Kartoffeln mit Fisch oder Fleisch, eine warme Suppe vorweg, Obst als Nachtisch. Die rustikale Berghütte ist sauber und geräumig. Warmes Wasser zum Waschen wird in Schüsseln gereicht.
Am zweiten Tag legen wir die 1.000 Höhenmeter bis zur Horombu-Hütte in sechs Stunden zurück. Wir verlassen den Regenwald und wandern durch Hochmoorgebiet. Hier findet sich ein kleines Dorf mit etwa zwanzig Hütten, Gemeinschaftshütte und sanitären Einrichtungen für Bergwanderer. Unser Guide, der auf den schönen Namen Heavennight hört, macht seit über zwanzig Jahren während der Saison zwei Touren monatlich und agiert so besonnen und professionell wie man dies erwarten mag. Seine „Pole-Pole“-Rufe (Langsam) nehmen wir ernst. In der vergangenen Woche hat ein 84jähriger den „Kili“ bestiegen, berichtet er. Na, wenn das so ist … Auf dieser Etappe sehen wir erstmals einen der Gipfel des Kilimanjaro, den 5.100 Meter hohen Mawenzi.
Der dritte Tag dient der Anpassung an die Höhe. Wir lassen es ruhig angehen und bleiben eine weitere Nacht im Horombu-Hüttendorf. Den Tag verbringen wir mit einer leichten Wanderung zu den auf 4.000 Meter gelegenen Zebra-Rocks. Es ist jetzt deutlich kälter als noch vor zwei Tagen. Was ziehe ich nur an? Es wird schwierig, den Tagesrucksack vernünftig zu bestücken. Die Auswahl der „Schichten“ hat ein philosophisches Moment. Fleecejacke oder nicht Fleecejacke – dies ist eine der stündlichen Fragen. Die Temperatur sinkt nachts auf etwa drei Grad, Hütten und Gemeinschaftsraum sind nicht beheizt, die lange Unterwäsche kommt zu ihrem ersten Einsatz. Um 18:30 Uhr ist es dunkel, der Abend plätschert mit Lesen, Karten spielen und Erzählen dahin. In die feuchte, schlecht isolierte Hütte will niemand so recht. Nachts machen sich erste Kopfschmerzen und leichte Kurzatmigkeit bemerkbar.
Am nächsten Morgen freuen wir uns über Sonne und Wärme bei unserem weiteren Weg zur 4.700 Meter hohen Kibo-Hütte, von welcher wir in der kommenden Nacht den Aufstieg zum Gipfel beginnen werden. Die Wegstrecke führt uns durch eine windige, trockene Geröllebene. Wir passieren die letzte Wasserstelle, von hier muss alles Wasser getragen werden. Der Puls beschleunigt sich, das Atmen fällt schwerer, vorbei sind die Tage des lockeren Dahinschlenderns. Die ersten Abbrecher werden überholt. Am frühen Nachmittag erreichen wir die Berghütte, steigen zur Akklimatisierung noch einige Meter höher hinauf. Gegen fünf Uhr nachmittags kriechen wir in die Schlafsäcke.
Vor Mitternacht werden wir „geweckt“. Ich habe nicht geschlafen, es ist zugig und kalt, mein Herzschlag klingt mir in den Ohren. Ich bin angespannt und froh, dass es endlich losgeht. Tee und Kekse werden gereicht, um Mitternacht starten wir warm eingepackt. Mit Stirnlampe auf dem Kopf folgen wir unserem Guide mit kleinen, langsamen Schritten die staubige Piste den Berg hinauf. Die ersten 300 Meter klappt dies ganz passabel, wir gehen uns bei Temperaturen um die 0 Grad „warm“.
Ab 5.000 Höhenmetern ist Schluss mit lustig. Ich atme während des weiteren Anstiegs nur noch stoßartig durch den Mund. Nach weiteren 400 Metern bin ich heißer, bekomme keinen Satz mehr heraus. Die Kopfschmerzen sind zurück. Schwindel gesellt sich hinzu. Meine Trittsicherheit nimmt ab. Einer der Assistenz-Guides bemerkt dies und bleibt für die weitere Strecke an meiner Seite. Ich mache nur noch vier oder fünf Schritte hintereinander, dann eine kurze Pause. Der Guide hat die Gruppe gut im Blick und spricht jeden laufend persönlich an: „… are you ok?“ Meine Freunde sind auf sich selbst fokussiert. Einer kämpft mit starker Übelkeit, ein anderer wirkt abwesend. Das sind nur Momentaufnahmen, erst später wird mir klar, dass ich dies nicht mehr eindeutig beurteilen kann.
Wir sind auf 5.500 Metern angelangt, bereits über vier Stunden unterwegs. Der erste der beiden Gipfel, der Gillman’s Point mit 5.681 Metern ist nicht mehr fern. Aufgrund seiner exponierten Lage gilt der Kilimanjaro mit Erreichen des Gillman’s Point als erstiegen, die Gipfelurkunde wäre uns sicher. Doch jetzt ist es mit einfachem Gehen vorbei. Der Weg ist versetzt mit großen Steinen, die ein gleichmäßiges Auftreten unmöglich machen. Die Pausen nehmen zu und werden länger. Ich dränge aufs Weitergehen. Nach kurzer Zeit des Stehenbleibens beginne ich zu zittern. Meine Finger sind eiskalt und trotz Handschuhen blau angelaufen. Eine elende Quälerei.
Nach fünfeinhalb Stunden erreichen wir völlig unvermittelt den Gillman’s Point. Die Überraschung ist groß, wir sind alle erleichtert und euphorisch. An Umkehren denkt keiner mehr. Ein paar Glückwünsche und Umarmungen, ein Schluck Tee, der Versuch, im Stockfinstern ein paar Fotos zu schießen, weiter geht es. 300 Höhenmeter und anderthalb Stunden trennen uns vom Uhuru Peak, dem höchsten Punkt Afrikas. Irgendwer aus unserer Gruppe entscheidet „weiter“ – keiner widerspricht. Diskutiert wurde hinterher. Gegen sechs geht die Sonne auf. Wir gelangen nach einer guten halben Stunde durch teilweise vereiste Strecke mit Blick auf die Gletscher das Hochplateau des Kilimanjaro. Geschafft – so gut wie. Das Gehen ist hier einfacher, die Sonne wärmt ein wenig, aber die letzten Meter ziehen sich. Nicht nur die Höhe, auch der Ausblick über die in honigfarbenes Morgenlicht getauchte Gletscherlandschaft ist atemberaubend.
5.895 Meter. Höher geht es nicht. Zumindest nicht auf diesem Kontinent. Viel Zeit bleibt uns nicht, unseren Erfolg zu genießen. Wir machen uns nach dem Gipfelfoto bald wieder an den Abstieg. Geplant waren diverse Arrangements am Gipfelschild, aber wir sind zu erschöpft und natürlich nicht die einzigen, die es heute Morgen bis hier geschafft haben.
Auf den Abstieg freut sich keiner. Die letzten 700 Meter bis zur Kibo Hütte kommen wir schnell voran. Wir rutschen das Geröllfeld in wenigen Minuten senkrecht herunter, welches wir uns stundenlang heraufgequält haben. Nach einer längeren Pause auf der Hütte steigen wir bis zur Horombo Hütte hinab. 21 km, 1.200 Meter hinauf, 2.170 Meter hinab – ganz ordentlich für einen Tag. Abends sind wir froh, in die Schlafsäcke kriechen zu können. Für eine Siegesfeier sind wir zu erledigt, nach Wein und Bier ist uns nicht zumute. Erst am kommenden sechsten Tag, als wir nachmittags in der Meru View Lodge eintreffen, stoßen wir an. Natürlich mit einem Bier der Marke „Kilimanjaro“.
Links:
Veranstalter: Diamir Reisen, www.diamir.de
Übernachtung: Meru View Lodge, www.meruview.de
Buchtipp: Kilimanjaro von Tom Kunker, www.kilimanjaro-tanzania.com






