LIFESTYLE - KATASTROPHENTOURISMUS
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Katastrophentourismus - die dunkle Seite der Reiselust
Es gibt "Touristen", die informieren sich bei ihrer Reisevorbereitung nur selten auf Urlaubsportalen, in Fremdenverkehrsbroschüren oder im Reisebüro. Ihre Anregungen und Informationen für die nächste Reise entnehmen sie stattdessen den Tagesnachrichten - oft jenen, die in der Boulevardpresse für Aufmacher sorgen. Auch bei der Wahl ihrer Ziele unterscheiden sich diese eigentümlichen Reisefreunde deutlich von normalen Touristen. Idyllischen Orten z. B. können sie wenig abgewinnen, ganz im Gegenteil: sie zieht es an Orte des Schreckens. Die Rede ist natürlich von Zeitgenossen, die den sog. Dark Tourism praktizieren. In Deutschland wird diese Art des "Fremdenverkehrs" meist als Katastrophentourismus bezeichnet.
Ein Teil der Katastrophentouristen besteht aus Schaulustigen ("Gaffern"), die eher von infantiler Neugier getrieben werden. Für die Hardcore-Fraktion des Dark Tourism allerdings geht vom Elend anderer Menschen eine echte, "tiefere" Faszination aus. Diese Katastrophentouristen "weiden" sich am Unglück ihrer Zeitgenossen und gehen vor Ort gelegentlich über die "harmlose" Rolle des bloßen Zuschauers hinaus. Natürlich gibt es zwischen beiden Spezies zahlreiche Übergangsformen, eines ist allerdings allen Katastrophentouristen gemeinsam: Sie kommen garantiert nicht, um vor Ort Hilfe zu leisten!
Reiseziele und Reiseverhalten der Katastrophentouristen
Da Katastrophentouristen vornehmlich von aktuellem Unglück angezogen werden, müssen sie hochflexibel sein. Viele ihrer "Traumziele" werden durch schwere Naturkatastrophen geschaffen. Die Folgen des Tsunamies in Südostasien (2004), des Hurrikans Katherina in New Orleans (2006) oder des Elbehochwassers (2002) lockten allesamt Tausende Schaulustige und emotionale Elendsschmarotzer an, nicht selten auch weitgereiste!
Darüber hinaus gibt es "permanente" Topziele des internationalen Katastrophentourismus. Dazu zählen z. B. "Ground Zero" in New York (Anschläge vom 11. September), die Geisterstadt Tschernobyl (Reaktorunglück 1986) aber auch diverse Slums- und Elendsvierltel in Entwicklungsländern. An derartigen Stätten vergangenen und gegenwärtigen Unglücks sollte allerdings streng zwischen Katastrophentourismus einerseits und seriösen Politik-, Sozial- und Geschichtstourismus andererseits unterschieden werden (siehe unten).
Auch das niederösterreichische Städtchen Amstetten erlebte jüngst einen massenhaften Einfall von Katastrophentouristen. In Amstetten ereignete sich bekanntlich der monströse "Fritzl-Inzest-Fall", der die Weltöffentlichkeit monatelang beschäftigte. Nach Medienberichten reisten insbesondere unappetitliche Leute aus der Umgebung an den Ort des Schreckens. Aber auch schaulustige "Gäste" aus Deutschland waren reichlich vor Ort. Ziel der "Neugierigen" war es meist, Fotos vom "Fritzl-Anwesen" zu schießen. In einigen Fällen soll es allerdings auch zu halbkriminellen Dreistigkeiten seitens der ungern gesehen Besucher gekommen sein.
Grundsätzlich favorisieren Katastrophentouristen natürlich die "Eigenanreise". Ein Gutteil des Katastrophentourismus besteht zudem aus Kurz- und Gelegenheitstrips. Allerdings existieren auch einige (wenige) Reiseveranstalter und Reisebüros, die gezielt "Schaureisen" in Katastrophengebiete anbieten. Derartiges scheint übrigens im größeren Stil in der VR China geplant zu sein. Im Erdbebengebiet von Sichuan (Erdbeben von 2008) will man Wohnblockruinen und Gedenkstätten touristisch vermarkteten.
Exkurs: Geschichtstourismus als Katastrophentourismus?
Gelegendlich wird die Bezeichnung Katastrophentourismus auch auf Reisen zu Stätten historischer Schlachten, Massaker und sonstiger politischer Verbrechen ausgedehnt.
Auf dem Portal www.czechtourism.com des Tschechischen Tourismusverbandes z. B. ist eine Liste mit den "TOP 10 der Katastrophenorte in Tschechien" veröffentlich, die offensichtlich zum Dark Tourism/Katastrophentourismus in Beziehung gesetzt wird. An Nummer drei der Liste (die Reihenfolge wurde per Umfrage bestimmt) liegt das "Schlachtfeld Austerlitz". Platz eins und zwei belegen zwei Orte monströser deutscher Nazi-Verbrechen: das Konzentrationslager Theresienstadt sowie die Dörfer Lidice und Ležáky, die von den Nazis als "Vergeltungsaktion" für das tödliche Attentat auf Reinhard Heydrich zerstört wurden (Heydrich war RSHA-Chef und "Stellvertretender Reichsprotektor von Böhmen und Mähren").
Selbstredend ist eine derart "erweiterte" Definition des Begriff Katastrophentourismus hochproblematisch. Mit ihr werden - wenn auch "unbeabsichtigt" - bildungsbeflissene Geschichtstouristen und moralisch motivierte KZ-Besucher gemeinsam mit skrupellosen Schaulustigen und emotionalen Elendsschmarotzern unter einem Oberbegriff zusammengefasst und damit tendentiell gleichgesetzt.
Text: Jörgen Varg

