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Grados Geschichte weist einige Brüche auf und reicht weit zurück

Grados Geschichte weist einige Brüche auf und reicht weit zurück: sie ist schon vor der Völkerwanderung mit den Geschicken Aquileias verbunden, mit dem Grado durch Jahrhunderte hindurch einen erbitterten Kampf um die Vorherrschaft seines Patriarchates austrägt.

 

Bis zum Jahr 1797, dem Ende der Republik Venedig, war Grado Teil der Serenissima, als es nach dem kurzen napoleonischen Zwischenspiel in die Gefürstete Grafschaft von Görz und Gradisca der Habsburger eingegliedert wurde. Durch die Auflösung der österreichisch-ungarischen Monarchie am Ende des 1. Weltkrieges wurde Grado ein Teil Italiens und somit von dessen jüngsten Geschichte auch geprägt.

 

Auf der Insel sind die Spuren der Vergangeheit noch deutlich zu sehen, wobei von besonderer Bedeutung die Reste des Zeitraumes zwischen 452 n. Chr. und 1451 sind, als die Bevölkerung von Aquileia im Gefolge des Bischofs Secondus nach Grado flüchtete und die Lagune, die von den Hunnen Attilas verwüstet und zerstört worden war, hinter sich ließ, und als der Papst Nikolaus V. in einer eigenen Bulle den patriarchischen Titel von Grado an den venezianischen Bischofssitz von Castello übertrug; Lorenzo Giustiniani war sein Inhaber und somit der erste Patriarch von Venedig.

 

Das war das wichtigste und prägendste Jahrtausend in der Geschichte Grados, das sich selbst, nur auf seine Bedeutung Republik Venedigs, dessen Teil es geworden war, zurückgezogen hatte. Verwaltet wurde es von einem Grafen, den Venedig unter seinen vornehmen Familien aussuchte. Zwar beschränkte sich der Bereich Grados nunmehr auf das Fischerdorf: die Bevölkerung jedoch unterwarf sich nicht gänzlich den neuen Herren und bereitete den venezianischen Verwaltungsbeamten einige Schwierigkeiten.

 

Der ungebrochene Stolz seiner Einwohner, der im übrigen noch heute existiert, basierte und basiert auf dem Bewusstsein einer ruhmreichen Vergangenheit; auch die Zurücksetzung, die Grado erfuhr, wurde als Unrecht empfunden und prägte das stolze Bewusstsein der Bevölkerung, den starken Gemeinschaftssinn, die tiefe Religiosität, die einzigartige Harmonie selbst tausender Sänger und zuletzt das Festhalten an den traditionellen Werten; die auch von der besonderen Lage mitbestimmt wurden.

 

Auch der altvenetische Dialekt der Bevölkerung, an dem Biagio Marin, einer der größten italienischen Dichter des 19. Jahrhunderts, beharrlich festhielt, ist Ausdruck jener Besonderheit und Eigenständigkeit. Diese selbstgewählte kulturelle Isolation – die schlichte Schönheit der Altstadt gibt Zeugnis davon – war sicher nicht förderlich für die Sammlung von Kunstwerken bzw. für die Errichtung wichtiger Bauten.

 

Aus dieser Abgeschlossenheit trat Grado am Ende des 19. Jahrhunderts, als man die Heilkraft seines Sandstrandes und seine guenstigen Voraussetzungen fuer einen Badeort entdeckte. Die ersten Hotelbesitzer waren österreichische Unternehmer, die einen großen Beitrag leisteten, zur Entstehung des heutigen Grados, eines eleganten Thermal- und Fremderverkehrsortes mit besonderer Note, der früher dem österreichischen, slowakischen, böhmischen und ungarischen Bürgertum und Adel als Ort diente, um die Sommerfrische zu genießen, der heute jedoch von vielen internationalen Gästen besucht wird.

 

Die Tragödie des 1. Weltkrieges griff auch auf die Kleinstadt über, die ganz in der Nähe der Front lag und damit von den wechselnden Kriegsereignissen direkt betroffen wurde. Nach dem Jahr 1918 wurde sie zusammen mit dem übrigen Julisch-Venetien in das Königreich Italien eingegliedert. Heute ist Grado mit dem Festland durch zwei Dämme, die als Brücken dienen, verbunden, von denen einer nach Monfalcone und der andere nach Aquileia führt. Es ist aber dennoch eine Insel geblieben, etwas Einzigartiges und Besonderes so wie seine zehntausend Einwohner.

 

Zwei Brücken reichen sicher nicht aus, um seine jahrhundertlange Geschichte und die unvergleichliche Schönheit, die es umgibt, auszulöschen. Diese Schönheit machen sowohl die sie umschließende ausgedehnte Grünzone als auch die Lagune aus, welche die Lebensgrundlage für die Bevölkerung bildet und zugleich den emotionalen Kern bildet. Sie ist eine der wenigen "lebendigen" Lagunen in Europa, mit einer einzigartigen Fauna und Flora und kleinen Inseln, auf denen typische Häuser aus Rohr und Schlamm stehen. In den "casuni" wohnten bis vor kurzer Zeit die Fischer das ganze Jahr über.

 

In der Nähe dieser kleinen Inseln befinden sich einige größere; die größte von ihnen ist die Insel Barban, Sitz einer alten für den Glauben der Bevölkerung sehr bedeutsamen Wallfahrtsstätte. Laut Überlieferung gelobte diese vor 750 Jahren, jedes Jahr am ersten Sonntag im Juli dorthin zu pilgern, und dieses Gelübde wird alljährlich mit einer beeindruckenden Prozession auf Booten - der sogenannten Prozession der "Perdon", also der Vergebung in einer Fahrt durch die Kanäle erfüllt.

 

Nachdem wir versucht haben, die wichtigsten Abschnitte in der Geschichte Grados kurz darzustellen und die Lebensgrundlagen seiner Bevölkerung zu beleuchten, soll der Dichter Biagio Marin zu Wort kommen, der uns seine Eindrücke vom Zauber der Lagunenlandschaft vermittelt hat. "Wer vom Festland kommend, dem Lauf der Flüsse und den begangenen Voralpenweg folgend herunterkommt oder die sanften Hänge der Hügel hinter sich lässt, indem er das reine Wasser der "rogge" (kleine Flüsse) zu den stillen Sümpfen Aquileias befährt und endlich das Festland verlässt, wird das erreichen, wo die Erde zauberhaft ins Meer versinkt. Bevor du ankommst, noch in den Kornfeldern und den duftenden Weingärten, kannst du schon die Stimmen des Meeres hören. Strandkiefer kommen dir entgegen, indem sie dich mit ihrer sich im Wind wiegenden Krone begrüßen.

 

Aber das Festland umfasst dich noch und verwehrt die die Aussicht auf den weiten Raum. Plötzlich aber öffnet sich die blaue Tiefe des Himmels und du beginnst mit dem Herzen zu sprechen, du überlässt dich dem stillen Zauber der Landschaft. Erde und Wasser sind sanft verschmolzen. In weiten Tiefen unbewegte Wässer sind sanft verschmolzen. In weiten Tiefen unbewegte Wässer: sie umgeben gelbe Dämme, die Sumpfbinsen wieder grün gemacht haben, und kleine Inseln, deren Umrisse die Tamarisken ablassen; die Wolken jagen über den Himmel, dann spiegeln sie sich im Wasser wider.

 

Aus dem sanften Mistralhauch entspringen Frieden und Stille; eine Lerche singt. Unsere Seele flüchtet in den Schwingungen dieses Liedes, das dich jetzt erfasst und tröstet. Weitweg ist die Wirklichkeit: keine Berge, keine Städte, keine Häuser mehr. Alles ist verschwommen: überall kräftige leuchtende Farben. Unser schweres Herz befreit sich von den Sorgen des Alltags und wird leicht; das Licht strömt herein; es legt sich wie das Wasser unter den Himmel und beginnt mit ihm zu spielen."

 

(L’Isola d’oro,1934). Marino De Grassi


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