FERNWANDERWEGE - FRIESENWEG
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Der Außer-Friesische (vierter und letzter Teil)
Wandern auf dem Friesenweg von Osnabrück über Haselünne nach Papenburg.
Sonntag. Noch immer befinden wir uns im Osnabrücker Land. Doch ungefähr auf der Hälfte der Gesamtstrecke von 183 Kilometern erreichen wir heute das Emsland. Große Waldgebiete, Hochmoor und der sanfthügelige Hümmling erwarten den Wanderer, der allerdings bald in Entscheidungsnot gerät. Liegen doch auf dem zweiten Abschnitt des Weges die interessanteren Sehenswürdigkeiten. Wandern oder schauen? Schweifen oder schlemmen?
Aber zunächst fällt uns heute, am dritten Wandertag das Aufstehen schwer und so nehmen wir ein Taxi bis zum malerischen Stift Börstel, der tief im gleichnamigen Wald gelegen ist. Das ist nicht nur ein wenig unsportlich, sondern auch gegen die Tradition der Zisterzienser, die ihre alte Klosterkirche bewußt eine Wanderstunde von der nächsten menschlichen Ansiedlung entfernt bauten. Umgeben von zahlreichen Klostergebäuden, zu denen auch ein Gast- und Tagungshaus gehören, ist das Gotteshaus nicht besonders groß. Doch von besonderer spiritueller Ausstrahlung. Durch ein niedriges Portal an der Südseite betreten wir den frühgotischen Backsteinbau. Glück haben wir, weil heute alle Kerzen angezündet sind, die der Kirche ein feierliches Gepränge verleihen. Doch bleiben dürfen wird nicht lange. Ein adeliges Frollein, das sich als gestrenge Wächterin gibt, gestattet nur einen kurzen Blick, da eine Familienfeier bevorsteht. Der joviale Herr Pfarrer, der heute eine kleine Fiona zu taufen hat, sieht dies weniger streng und plaudert mit uns über den Friesenweg, den er selbst einmal gern erkunden möchte. Doch heute verlangt die Festgemeinde nach ihm. „Ach Eitelkeit, ach Eitelkeit, schau Wanderer in dieser Zeit“ steht auf einem alten Grabstein. Wir schauen und genießen die Stille des alten Kreuzganges, bevor wir wieder im Börsteler Forst verschwinden.
Die im Wanderführer beschriebene gelbe Gasdrohne (wandern erweitert den Wortschatz!) entdecken wir noch, doch dann ist der Weg wieder sparsam ausgeschildert und wir laufen einen unangenehmen Umweg, bis wir wieder endlich das „F“ an einer Birke erspähen. Schnurgerade geht es durch Bruchwald und noch gradliniger dann durch’s Hahnenmoor - ein 600 Hektar großes Naturschutzgebiet. Die nächsten zehn Kilometer sind allerdings ein ziemlich langweiliges Wegstück, den Ort Herzlake lassen wir rechts liegen um bei mäßigem Wetter durch den lautlosen sonntäglichen Mittag zu wandern. Keine Menschenseele, kein Auto, keine Einkehrmöglichkeit. Doch dann stoßen wir wieder auf die Hase, an deren Ufer wir schon in Osnabrück geschlendert sind. Vorbei an einem Schafstall folgt jetzt ein angenehmer Grasweg – immer dem Fluß entlang.
In der Ferne erkennen wir unser Tagesziel Haselünne, der größte Ort im Emsland. Hinter einem Campingplatz mit Vergnügungspark steigen wir über einen niedrigen Zaun und verschwinden bis zum Ortseingang in einem Wachholderhain. Schon von weitem leuchten der Schriftzug von Rosche, dem älteren, aber weniger bekannten Kornbrenner in Haselünne. Denn Haselünne, eine Stadt mit quasi spiritueller Ausstrahlung, ist Berentzen-Town. Es gibt einen Hof, auf dem die einstmals legendären Hauptversammlungen der Berentzen AG gefeiert wurden, ein Brennereimuseum, das beste Restaurant des Emslandes sowie ein schmuckes Burghotel. Irgendwie alles mit dem Haus Berentzen verquickt.
Wir gönnen uns den Aufenthalt hinter den Mauern des alten Stadtpalais, dem heutigen Burghotel und freuen uns über „Luxus mit Romantik“ und die entmüdende Stunde im römisch-stilvollen Wellness-Bereich. Die Zimmer sehr geschmackvoll mit einem Schuß englischer Jagdgesellschaft und einem Baldachin über dem Bett. Zum Abendessen sind es nur ein paar Schritte ins Jagdhaus Wiedhage, das trotz aller Gediegenheit, die sich bis 1580 zurückverfolgen läßt, ein wenig steif daherkommt: Was wiederum gar nicht zu der schnöden Schlagermusik paßt, die den ganzen Abend dudelt. Das Essen passabel, die Wirtstöchter sind von emsländischer Robustheit, doch schon bald ziehen wir uns unter den Baldachin zurück.
Am nächsten Morgen finden wir uns mit einem freundlichen Herrn Carli am Frühstückstisch, der uns begeistert von einer einzigartigen Mühle berichtet. Da er dort ohnehin vorbeifährt, nehmen wir sein Angebot zur Wegverkürzung dankend an und werfen unterwegs einen Blick auf die Hünengräber von Klein- und Groß-Berßen. Nirgendwo in Deutschland gibt es eine größere Großsteingrabdichte als hier. 22 Ansammlungen von Kawenzmännern im Umkreis von ein paar Steinwürfen. Kieselsteinen natürlich. Schließlich stehen vor einer etwas baufälligen Mühle, die ihre Flügel hängen läßt.
Die Hüvener Mühle wurde bereits 1534 urkundlich erwähnt, doch erst ab 1851 erreicht sie europäische Einzigartigkeit. Sie ist die letzte erhaltene kombinierte Wind- und Wassermühle. Wenn der rauschende Bach, die Mittelradde, die Mühle mal nicht klappern ließ, wurde die Kupplung im Inneren umgelegt und auf Windkraft umgestellt. Seit 1950 behördlich wegen Bauschäden stillgelegt, kämpfen Heimatverein und edle Spender gegen Wind, Wetter, Holzkäfer und Zerfall sowie um Spendengelder. Über eine Millionen Euro werden benötigt. Kein Pappenstiel, auch wenn die EU bereits beträchtliche Mittel zugesagt hat.
Der freundliche Herr Carli geleitet uns noch bis in die kleine Samtgemeinde Sögel, die mit weiteren Sehenswürdigkeiten aufwarten kann. Ein weltweit einzigartiges Jagdschloß, erbaut zwischen 1737-47 von dem Münsteraner Barockbaumeister Johann Conrad Schlaun für den Kurfürsten und Erzbischof Clemens August von Köln. Daher der Name Schloß Clemenswerth, daß den guten Clemens zu manchem Jagdvergnügen in die Gegend lockte, wenn er nicht grad auf Schloß Brühl regieren mußte. Rund um den zentralen Schloßbau gruppieren sich sternförmig die Gästepavillons, die alle die Namen der kurfürstlichen Bistümer tragen. Der Pavillon Paderborn beherbergt die gut ausgestattete Schloßküche. Der Clou an dem einzigartigen Sterngebilde: Die bischöflichen Gäste konnten sich nach fürstlichen Gelagen im Zentralgebäude ungestört auf streng ausgerichteten Schneisen an die Gasthäuser in der Peripherie zurückziehen. Leider hatte sich bei unserem Besuch auch das gesamte gegenwärtige Personal zurückgezogen, wie das in deutschen Kulturbauten an einem Montag so üblich ist. Weshalb wir den Lesern einen Blick auf die Internetseite des Schlosses empfehlen, während wir schon beim freundlichen Herrn Deiß einkehren.
Der bewirtschaftet zusammen mit seiner Familie die Hümmlinger Teestuben, weiß nicht viel über den Friesenweg zu erzählen, dafür um so mehr über die Geschichte seines Hauses und der Region. Der Hümmling, so berichtet er, ist ein eiszeitlicher Höhenrücken am östlichen Rand des Emstales. Wälder, uraltes Bauernland und einzelne Heideflächen, durchzogen von Bächen und Kanälen. Früher ein bevorzugtes Jagdrevier des Adels – was wir schon wissen - heute ein Geheimtip für Radtouren und Tagesausflüge. Für Wanderfreunde offensichtlich noch Top Secret. Während seine Frau in der rustikalen Küche werkelt, um den Buchweizenpfannkuchen „Jan Hinnerk“ - eine emsländische Spezialität vorzubereiten, führt Herr Deiß uns durch die enge, liebevoll mit heimatkundlichen Ausstellungsstücken vollgestopfte Hütte. Sein Stolz sind die sehr alten weißen (!) Delfter Ofenkacheln, von denen eine falsch einzementiert wurde. Wir hängen die klamme Windjacke erstmal in ein altes Schrankbett. Und müßten wir nicht wieder aufbrechen, so hätten wir noch gern mehr von den Verstrickungen zwischen Heimatverein und Schloßmuseum, ausländischen Gastronomen und den Vorbereitungen zur 1250 Jahrfeier gehört. Heimatfreund Deiß erzählt mit kundigem Engagement und bietet zum Pfannkucken scharf gebrannten Korn.
Während der Himmel immer düsterer wird, wandern wir beschwingt durch ein Waldstück namens Glockenschlag, sind schon bald - trotz Goretex und läppischem Regenhut - ziemlich durchnäßt und ärgern uns ein weiteres Mal über die miserable Beschilderung. Doch auch schlechtes Wetter und schlechte Schilder können der guten Wanderlaune nichts anhaben. Flink geht es durch einen Ort namens Börger, wir entdecken einen alten Schafstall und die dazugehörigen Tiere im nahegelegenen Wacholderhain.
Auch heute begegnen wir keinen Wandersleuten auf dem Weg mit dem „F“. Lediglich ein paar mürrischen Strippenziehern von der Firma mit dem magentafarbenen „T“. Völlig durchnäßt erreichen wir die Gemeinde Surwold, benannt nach dem kampferprobten Friesenführer Suirwold. Heute ist ein Freizeitpark nach ihm benannt, doch Wippen und Schaukeln sind leer. Kein Kind läuft durch den Märchenwald. Und geschlossen hat die Sommerrodelbahn. Die Bahnwächter sitzen in ihrem Kabäuschen und scheinen dem Friesengeist zuzusprechen. Offenkundig sind wir bald bei den Friesen angelangt.
Der Weg bis zum Tagesziel Papenburg ist noch weit - und so kehren wir in einem Ausflugslokal ein. Ein leutseliger Eingeborener unterhält sich selbst am Spielautomaten und uns mit Geschichten über Papenburg. Wir beschließen ein Taxi zu rufen. Vorbei geht es an schnurgerade Kanälen, über Klappbrücken bis hin zu einem historischen Schiff, der Friederike von Papenburg. Genau hier endet der Friesenweg, der vor 183 Kilometern am Osnabrücker Rathaus seinen Anfang nimmt. Ein sanfter, naturnaher, ruhiger, entspannter Weg. Ein sympathischer Geheimtip für ein langes Wochenende – für Wanderfreunde, die sich auch mal selbst zu helfen wissen.
Gern hätten wir uns in Papenburg noch ein wenig umgeschaut. Hier wurden 1630 die ersten Torfhütten gebaut und über die Jahre entstand Deutschland größte Fehnkolonie. Doch macht der sogenannte Zeitspeicher, wo die Geschichte „vom Moor zum Meer“ modern aufbereitet wird, und in dem auch die Touristen-Information untergebracht ist, seinem Namen alle Ehre. Unser Gepäck, von dem wir uns frühmorgens in Haselünne getrennt haben, ist hier zuverlässig gespeichert worden. Doch nun erfordern die Öffnungszeiten, daß wir es flink abholen. Keine Zeit, keine Zeit. Auch die Bahn fährt schon in zehn Minuten. Keine Frage. Schnell hat uns der Alltag wieder.
Links:
Stift Börstel: Der Zauber des Augenblicks
Haselünne, natürlich an der Hase
Erlebnistouren zum Korngenuß
Was Kölsch für Kölle, ist Rosche für Korn (sagt Rosche)
Ausgewählte Gastronomie in Haselünne
Heimatverbundene Seite zur Hüvener Mühle
www.ewetel.net/~hermann.sanders/index.html
Schloß Clemenswerth, der barocke Jagdstern
Der Zeitspeicher in Papenburg
www.papenburg-tourismus.de/zeitspeicher/000_zsp_mainframe.html





