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Unbekannte Schweiz. Das Freiburgerland - jenseits von Heidi und DJ Bobo. Teil IV
Teil IV:
Über den Euschelspass nach Jaun
Ein sonniger Tag. Ein üppiges Frühstück im Hotelwintergarten mit prächtigem Blick auf den Schwarzsee. Das Wasser scheint jeden Tag eine andere Farbe zu haben. Am heutigen Wandertag ist er blassbläulich.
In Schwarzsee endet die Strasse. Und damit die hektische Welt. Nach Jaun könnte man durch die Breccaschlucht, vorbei an der Combi-Hütte und vorbei am Fuße der Chörblispitz wandern. Wir wählen jedoch den Weg über den Euschelspass. Eine zauberhafte Wanderung. Zwei-drei Stunden auf einfachen Wegen. Warum ein Touristikprofessor die Schweiz allerdings um einen weiteren Tunnel zwischen Schwarzsee und Jaun bereichern will, um damit den fremden Verkehr zu fördern, verstehen Felix und ich so ganz nicht. Aber wir sind zuversichtlich, dass dieser Schildbürgerstreich nicht stattfindet.
Aber auf geht’s. Mit der Sesselbahn entschweben wir lautlos auf die Bergstation Riggisalp. (Ein Hinweis: Eine zweite Bahn, der Schwyberg-Lift, der in Karten und vielen Broschüren noch verzeichnet ist, hat seinen Betrieb eingestellt.) Keine Menschenseele weit und breit. Also auch keine Kundschaft für’s Trotti-Kick. Für Laien: Das Trottinett ist ein seltsames Gefährt, eine Mischung aus Kinderroller, Mountainbike und Rasenmäher, mit dem man sich - Helm und Schütze obligatorisch - den Berg hinunterstürzen kann.
Felix und ich überstürzen nichts. Nach kurzer Diskussion verzichten wir auf den anspruchsvolleren Weg über’s Kaiseregg (2185 m) und wandern gemütlich von der Untere Euschels zur Obere Euschels, zwei Alphütten, die einfache Kost und Logis versprechen. Und handgemachten Ziegenkäse. Schon lassen wir den Pass hinter uns und sitzen bald auf der sonnigen Terrasse der Ritzli-Alp, das Tagesziel Jaun schon in der Ferne im Blick. Die Ritzli-Alp wird von einer freundlichen Familie bewirtschaftet, Buchs mit Namen. Fürwahr nicht das letzte Mal, dass wir heute auf diesen Namen treffen. Die Ritzli-Alp bietet Zimmer und Matratzenlager und gute Kost in der Ritzli-Stube (Ritzli-Brettli, Ritzli-Rösti, Kaffee-Ritzli usf.). Und bisweilen einen grandiosen rosig schimmernden Sonnenuntergangsblick auf die Grenzlosen, eine bizarre Bergkette, zu der wir morgen noch wollen.
Zusammen mit Beat Buchs studieren wir die Karte und vielfältige Möglichkeiten für Tagesausflüge. Allerdings ist die einzig erhältliche Wanderkarte der Region - eine Satellitenaufnahme mit eingezeichneten bunte Strichen - ein Ärgernis. Da ist sogar die Karte für Mountainbike-Touren hilfreicher. Buchs holt jedoch die längst vergriffene Wanderkarte von Kümmerly+Frey (1:25.000) aus dem Versteck. Sein Sohn hat hier stolz alle Alphütten farbig gekennzeichnet, die er mit seinen zwölf Jahren schon erwandert hat.
Ungern verlassen wir die gastliche Stätte und streben Jaun entgegen. Noch rund 5 km, leicht bergab. Vorbei an einer unspektakulären Burgruine gelangen Felix und ich in die kleinen charmanten Gemeinde mit dem markanten Wasserfall und vielen gepflegten Ferien-Chalets. Jaun, zusammen mit Im Fang eigentlich ein Doppelort, liegt im obersten Teil des grünen Greyerzer Landes. In diesem rein französischsprachigen Bezirk ist die einfache Berggemeinde eine einsame deutschsprachige Insel. Ein idealer Ausgangspunkt für zahlreiche Wander- und Bergtouren.
Für heute schauen wir uns noch ein wenig in Jaun um. Dort gibt es einen berühmten Friedhof. Die Besonderheit ist nicht, dass hier so viele Verblichene den Namen Schuwey, Mooser, Buchs oder gar Buchs-Buchs tragen, sondern die kunstvoll geschnitzen Grabkreuze, die aus dem Leben der Entschlafenen erzählen. Der Künstler, Walter Cottier, der die meisten Figuren geschnitzt hat, ist leider 1995 verstorben. Auf jedem Kreuz gibt es zwei Motive: eines für den Beruf und eines für das Hobby oder ein persönliches Talent. Bei den meisten Frauen finden sich allerdings die häuslichen Tätigkeiten gleich zwiefach (Stricken, Rosenzüchten, Kinderhüten.) Vor dem Friedhof treffen wir einen weiteren freundlichen Buchs. Den Jean-Marie. Der ist auch im Jodel-Club und hat uns wohl gestern beim Mösli-Wirt zechen sehen.
Gern nimmt er uns mit ins Cantorama. Eine alte romanische Dorfkirche erstmals erwähnt im Jahre 1218), heute das Haus des Freiburger Chorgesangs. Die Kirche hat eine prächtige Akustik. Hier gibt es zudem ein beachtliches Archiv mit Gesangsaufnahmen, die man sich vorspielen lassen kann. Nicht nur Jodeln, sondern auch klassische Gregorianik, volkstümliche Unterhaltung inklusive Schwyzerörgeli, doppelsprachige Chöre und dazu das Klavierspiel einer Konzertpianistin - einer gewissen Frau Buchs!
Den Abend verbringen wir in einem einfachen Gasthaus. Mit einem Auge bei der Fussball-Europameisterschaft (Italien - Schweden) mit dem anderen auf der Wanderkarte. Felix und ich planen die morgige Tour. Wir wollen hinauf in die Gastlosen zum Soldatenhaus, dass auch Le Régiment genannt wird. Ein wenig bedauern wir, dass es noch nicht Winter ist. Denn in Jaun gibt es auch zwei hervorragend präparierte Schneeschuhtreckingrouten. Also exklusive Strecken für Schneeschuh-Wanderungen.
Weiter mit Teil V ...
Informationen:
Tourismusbüro Jaun
Hauptstrasse 381
CH-1656 Jaun
++41(0)26 929 81 81
Links:
Wanderkarten
Schwarzseegebiet, Plasselb und Jaun (1:25.000) Leider vergriffen
Freiburg/Greyerz/ Lausanne/ Yverdon (1:60.000), ISBN 3-259-00841-1, Kümmerly + Frey.
Weiteres Kartenmaterial beim Tourismusbüro Schwarzsee





