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Unbekannte Schweiz. Das Freiburgerland - jenseits von Heidi und DJ Bobo. Teil III

Schulklasse vor Bergahorn. Fotos: Andreas K. Bittner

Teil III:

In der Ur-Landschaft

 

Der moderne Wanderer, so lesen wir beim so genannten Wanderpapst Dr. Brämer, steht spät auf, frühstückt ausgiebig, läuft wenig und in kleiner Gruppe und ist abends noch fit für kulturelle Erlebnisse. Von Wegen! Wer Flora und Fauna der Voralpen erkunden will, für den heißt es weiterhin im Frühtau zu Berge. Schon um 6 Uhr treffen wir auf Peter Thalhammer, Zimmermann und Naturliebhaber, Vegetarier und Gämsenexperte. Zusammen mit seiner vierbeinigen Begleiterin (Queena) und einem Dutzend Schülerinnen lassen wir bald den spiegelglatten Schwarzsee, über dem noch das Tuch des Frühnebels liegt, hinter uns.

 

Der Weg ist ein wenig steil, doch gut ausgebaut. Dank des bewährten Systems der gelben Wanderwegweiser fühlte man sich auch ohne Führer nie verloren. Braune Wegzeichen markieren zusätzlich unseren heutigen Themenwanderweg. Die Ur-Landschaft Brecca. Zitieren wir kurz die Hintergründe: "Die Brecca, oberhalb des Schwarzsees, wurde 1996 ins Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN) aufgenommen. Hier huscht noch der Schatten des Adlers über die Felsen. Es gibt Murmeltiere, Gämsen, seltene Falter. Und Pflanzen wie die Paradieslilie oder den Türkenbund. Da wird das Bergwandern zum wildromantischen Erlebnis. Wann zeigen Sie Ihren Kindern den Schwarzsee?"

 

Schade. Den seltenen Steinadler sehen wir mangels günstiger Thermik heute nicht. Und hätten wir ohne den Brecca-Experten Peter unseren Kindern auch nur eine einzige Gämse zeigen können. Eher nicht. Ein paar Hundert Meter, oben am Hang, fast zwischen Felsen versteckt die ersten Exemplare. Peter legt sich fest, dass es sich um männliche Gämsen nicht älter als zwei Jahre handelt. Natürlich hat er Ferngläser in seinem riesigen Rucksack und ein Fernrohr mit Stativ. Was er noch im Gepäck hat, werden wir später erfahren. Vorbei an üppigen Alpenwiesen. Peter scheint jede Orchidee und Flechte, jede Lilie und Bergakelei zu kennen. Wir sind beeindruckt und lauschen gern seinen munteren Erklärungen.

 

Wanderführer in der Breccaschlucht

Nach zwei Stunden, der See liegt klar und tiefblau unter uns, die erste Rast. Die Schulklasse lässt sich gern auf ein kleines Frage- und Antwortspiel zu einem seltenen Baum, in dessen Schatten wir sitzen, ein. 15 Minuten Infotainment über den Bergahorn - auf Schwyzerdütsch. Klasse! Nach einer weiteren Wanderstunde sitzen wir noch mal in Peters luftigem Klassenzimmer - im Breccaschlund. Auf Urgestein. Über uns der Gipfel der Spitzflue (1951 m), der in einer Stunde zu erreichen wäre. Vor uns ein Schneefeld - auf dem sich manchmal junge Gämsen tummeln sollen. Nun öffnet Peter den Rucksack. Gämsenfell und Gämsengehörn (kein Geweih!). Wir erfahren, wie er auf viele hundert Meter Männlein und Weiblein, jung und alt auseinander hält. Wir erfahren über nachwachsende Horntüten und warum Gämsen gern Sonnenbäder nehmen. Ohne Powerpoint-Charts und Hand-Outs. Dafür Face-to-Face mit einer Gämsenfamilie. Denn wie bestellt kommt eine Mutter mit ihren Jungen über den Grat und tummelt sich auf dem Schneefeld. Die Schülerinnen sind begeistert, der Lehrer ebenso. Auch wenn wir heute leider keine Murmeltiere mehr sehen werden - aber eine Ur-Landschaft ist ja auch kein Zoo! Naturerleben als Klassenziel.

 

Weiter geht es über kalkige Felsformationen und Schneefelder. Die Sonne brennt. Drunten in der Schlucht eine Alphütte mit Bergahornwäldchen. Der muntere Ruf eines Kuckucks begleitet uns fast eine Stunde lang. Keine Strasse, keine Werbetafel, kein Telefon. Als Hintergrundgeräusch nur das nimmermüde Kuhgebimmel. Wandern ist weniger Fortbewegung als Naturerlebnis, meint Felix.

 

Während Lehrer und Schülerinnen schon ins Tal streben, kehren Felix und ich mit Peter noch in einer Alphütte (Unteri Rippa) ein. Forschende Wandersoziologen - wie Dr. Brämer - haben uns neue Begriffe geschenkt, wie die „Möblierung“ eines Wanderweges oder die „Dramaturgie“ einer Tour. Der Höhepunkt einer Strecke sollte erst nach zwei Dritteln des Weges kommen, wollen Wissenschaftler herausgefunden haben. Die einfachen Holzbänke und die üppigen Blumenkästen der Alphütte sind uns Möblierung genug. Und die Dramaturgie wird zur Kardinaltugend. Gern lassen wir uns vom freundlichen Alpwirt ein kühles Cardinal-Bier bringen und schließlich mehrere. Mit Peter diskutieren wir über die Ur-Landschaft und die Welt. Peter ist Autodidakt - oder sollte man sagen Wander-Didakt? Jedenfalls hat er sich sein Wissen über Flora und geologische Formationen, über Murmeltier und Bergahorn selbst angelesen. Den Schulkindern müsse man die Schönheit der Natur wieder nahe bringen. Und wenn die begeistert seien, dann kämen die mit ihren Eltern wieder. Und das wäre doch ein schöner nachhaltiger Tourismus. Meint Peter, von dem wir uns ungern verabschieden. Am Abend sitzen Felix und ich beim Mösli.

 

Käser Adolf vor Schwarzseekulisse.

Einem wunderbaren Gasthaus mit viel Lokalkolorit. Nur mit einem Auge folgt man hier dem Fussballgeschehen am Bildschirm. In geselliger Runde sitzt hier der Jodel-Club, dessen Proben wir leider verpasst haben. Dabei handelt es sich keinesfalls um ältere Herren, die hier ein wenig Brauchtumspflege betreiben. Die Mitgliedschaft im Jodel-Club ist eine fröhliche Angelegenheit, auch für junge Menschen, die mitten im Leben stehen. Das erfahren wir vom Käser Adolf, der in Schwarzsee für den Tourismus zuständig ist und zugleich Geschäftsführer der Sesselbahn. Im Gegensatz zum sanften Naturfreund Peter ist er ein echter Schweiz-Macher.

 

Er berichtet über Events und Themenrouten, die durch regionale Förderprogramme subventioniert werden. Die Ur-Landschaft, die wir heute kennengelernt haben, ist so ein Themenwanderweg. Der "Alphüttenzauber" (mit Plumpsklo!) ein weiterer. Beide würden gut angenommen. Nur die dritte Variante "Ds Vreneli ab em Guggisbärg" liefe eher schleppend. Aber wer kennt schon die anrührende Geschichte vom Vreneli und seinem Hansjoggeli. Und warum - so fragen wir uns - wirbt die Region Freiburgerland dann mit dem albernen Slogan "... sind wir nicht alle ein bisschen Heidi?" Der Abend klingt noch mit einem zünftigen Konzert aus. Zwei Virtuosen des Schwyzerörgeli (eine Art Ziehharmonika) spielen so munter auf, dass wir gern noch beim Mösli-Wirt verweilen.
Weiter mit Teil IV ...


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