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Die Neustadt in Dresden - ein ganz besonderer Kiez

Planübererfüllungs-Kumpel Adolf Hennecke grüßt von der Decke der „Planwirtschaft“. Fotos: Patricia Nin

„Meinung über Dresden: Grau und verstaubt“ titelte die größteLokalzeitung nach einer Umfrage. Die befragten jungen Reisenden bemängelten, „dass zu wenig los ist“. Imageproblem hausgemacht? Immerhin stellt sich Dresden nach außen immer nur als barocke Kulturmetropole dar - der prallgefüllte Szene-Terminplan und die bunte Kneipenvielfalt werden selten erwähnt. Dabei gibt es die äußere Neustadt: das innerstädtische Wohnviertel rechts der Elbe mit gut 60 Gaststätten und zahlreichen kulturellen Einrichtungen.

 

Das Viertel überstand die Bombennacht des zweiten Weltkriegs nahezu unbeschadet, wodurch es heute europaweit als das größte zusammenhängende Gründerzeitviertel gilt. Die Bevölkerung war immer bunt gemischt: Anfang des 19. Jahrhunderts kamen böhmische Gärtner, mit der Industrialisierung Arbeiter und Kleinbürger, zu DDR-Zeiten dann gesellschaftliche Außenseiter und Regierungsgegner. Die Neustadt wurde zum Refugium für Künstler aller Couleur, Homosexuelle, Studenten und "Systemkritiker."

 

Davon ist nicht mehr allzu viel übrig geblieben. Aber: Das Viertel ist nach wie vor ein richtiger Kiez. Hier gehören Leben, Wohnen, Arbeiten und Feiern noch zusammen - viele Neustadt-Bewohner setzen nur selten einen Fuß auf die andere Elbseite mit all ihrer barocken Pracht.

 

Diese Bevölkerung hat sich allerdings in den vergangenen 10 Jahren verändert. Während zu DDR-Zeiten die Häuser z. T. verfielen, noch Anfang 1995 80 Prozent der Wohnungen kein Bad besessen haben sollen, sind heute gut zwei Drittel der Gebäude saniert. Die neue alte Pracht hat ihren Preis, den die ursprünglichen Bewohner kaum noch zahlen können. So sieht man heute auch viele Yuppies und Menschen, die noch immer für Studenten durchgehen, jedoch mittlerweile ein gut gefülltes Portemonnaie haben, in den Straßen und Kneipen.

 

Die Kneipen der Dresdener Neustadt

Das „Raskolnikoff“ (benannt nach Dostojewskis „Schuld und Sühne“) bietet eine sehr gute Küche – was man beim ersten Blick von außen nicht unbedingt glaubt.

Zu schreiben, es gäbe für jeden Geschmack etwas, liest sich wie ein Werbetext - und doch ist es die Wahrheit. Schon die Namen sind einen Rundgang wert: Da lockt der „Mondfisch“ gegenüber der „Planwirtschaft“, quasi Nachbarn sind die „Pinta“ und „Herr Rosso und sein Hund“.

 

In der Wendezeit entstand übrigens in diesem Teils Dresdens die „Bunte Republik Neustadt“: Man lebte wie auf einer Insel; druckte eigenes Geld und träumte naiv von einer besseren Welt.

 

Fast überall gibt es mehr oder weniger regelmäßig Livemusik. Ob irische Sauflieder im „Tir Na Nog“, Ska-Töne im „Madness“ oder Flamenco-Untermalung im „Lloyds“ - gerade am Wochenende kann der Neustadt-Besucher in dieser Hinsicht - ebenso wie übrigens kulinarisch - einen kleinen Welten-Bummel machen.

 

Wer einfach nur ein Bier trinken will, der hat natürlich die Qual der Wahl. Eine gute Entscheidung wäre das „Café Hieronymus“. Viele Neustadt-Einrichtungen befinden sich in ehemaligen Wohnungen, das „Hieronymus“ ist jedoch das einzige Lokal im ersten Stock eines Wohnhauses. 1989 als „Tivoli“, eine der ersten „Wendekneipen“, eröffnet, ist es auch heute noch eine echte Attraktion. Die Kneipe besteht aus vier zusammenhängenden Zimmern, im mittleren bietet eine schräg eingezogene Spiegeldecke einen guten Promilletest, im vorderen, dem „Thekenzimmer“, kann man auf Barhockern sitzend auf die Louisenstraße herunterblicken. „Das ist eigentlich so kaum erlaubt“, sagt Wirt Fred Blumenthal. Es wird geduldet, wie die ganze Kneipe geduldet wird - noch.

 

Wie im Süden: Das spanische Restaurant „El Perro Borracho“ (Der besoffene Hund) in einem idylischen Hinterhof.

Das Gebäude wurde bereits vor über zwei Jahren verkauft, der neue Besitzer will das heruntergekommene Gebäude sanieren. Mittlerweile steht das Haus bis auf das „Hieronymus“ vollkommen leer - und irgendwann wird dann auch hier das letzte Pils gezapft. Zwar soll das Gebäude wieder eine Kneipe beherbergen, die wird jedoch auf keinen Fall im ersten Stock sein - Vorschriften. Auf der Strecke bleibt das Flair der geduldeten Ausnahme.

 

Ein Flair ganz anderer Art hat Michael Hanisch mit dem „Flowerpower“ geschaffen. Hier sind die 70-er Jahre mit all ihren Scheußlichkeiten wiederauferstanden - es finden sich in dem großen Kneipenraum bunte Sitzhocker, Fellampen, phosphoreszierendes Licht, psychedelische Wand-, Boden- und Deckenbemalungen, Lavalampen und fliegende Kühe über der Theke. Dazu erklingt absolut authentische Musik.

 

Was gibt’s sonst noch? Die Disco „Downtown“, die beiden Programmkinos Schauburg und Casablanca, das Societäts- und das Projekttheater, und, und, und. Viel los in Dresden.

 

Beate Baum

Infokasten:

Dresden ist via Deutsche Bahn, Lufthansa, Eurowings und A 4 gut zu erreichen. Hotels und Pensionen gibt es für jeden Geldbeutel und in jedem Stadtteil, Informationen hierzu erteilt die Tourist-Info: 0351 / 491920.

 

Der „harte Kern“ der äußeren Neustadt erstreckt sich zwischen Königsbrücker- und Prießnitz-, Bautzner- und Bischofsstraße. Zu erreichen ist das Viertel am besten mit den Straßenbahnen 7, 8, 11 und 13. Fast alle Züge fahren außer dem Hauptbahnhof auch den Neustädter Bahnhof an.


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