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Berlin - eine Stadt im Aufbruch (Reisebericht)

Berlin - Typischer Kiosk in der Nähe vom Tacheles

Typischer Kiosk in der Nähe vom Tacheles. Fotos: Dagny Riegel

von Dagny Riegel


Berlin ist im Aufbruch. Alles wird gerade frisch gemacht; während man danebensteht, wird renoviert, ein neues Café eröffnet, eine Baulücke geschlossen. Man ist sich nicht so ganz sicher, ob man dem alten Charme nachtrauern muss, wie alteingesessene Berliner es zuweilen durchblicken lassen, oder ob man die Dynamik genießen darf. Das alte besetzte Tacheles beispielsweise, wo früher noch ein Panzer stand und alles wirklich alternativ gewesen sein soll, fällt mittlerweile eindeutig unter "Sehenswürdigkeit". Man kriegt Postkarten vom besprayten Treppenhaus zu kaufen.

 

Ganz Mitte ist im Moment noch ein faszinierendes Patchwork aus alten Freiflächen, bröckelnden Fassaden und blitzblanken Vorzeige-Häusern sowie schicken Läden und Galerien. Zum Einkaufen und Angucken irgendwie noch besser als IKEA. Das stellen wir innerhalb kürzester Zeit fest, Frauen brauchen für sowas nicht lange. Meine Freundin Manu und ich packen unsere Foto-Taschen und gehen so gut als Touristinnen getarnt los - was wir ja eigentlich auch sind, aber natürlich nicht sein wollen. Erstmal die Bustour durch die Stadt, das ist gut für den Überblick. Dann in die ganzen kleinen Geschäfte, die prallbunt gefüllt sind, durch Hinterhöfe, schließlich in diverse Cafés. Hier bemerken wir, dass es sich auch lohnt, eine Weile nichtstuend in Berlin zu verbringen.

 

Zitherspieler im gelblichen Licht des Untergrunds

In Action: Zitherspieler im gelblichen Licht des Untergrunds

Als erstes kaufen wir uns für 6,10 Euro ein Tagesticket, damit wir auch genug zu sehen bekommen in Berlin. Die Karte gilt auch für die Bus-Linie 100, den Touristenbus der Stadt, der alle Sehenswürdigkeiten auf seiner Runde hat. Zwischendurch kann man die Tour immer wieder unterbrechen, um sich etwas Würdiges zu besehen. Für die Reichstagskuppel sollte ein längerer Stopp im Plan stehen, eine gute halbe Stunde Wartezeit hat sich an den Treppen schlangenförmig angesammelt. Gut, dass wir das Brandenburger Tor direkt um die Ecke ohne Anstehen bewundern können. Es ist nämlich kalt in Berlin.

 

Und so fahren wir weiter zum Alexanderplatz mit seinem Fernsehturm, wo wir dann auch nur aussteigen, um in eine der zahllosen Berliner Imbissbuden einzusteigen. Wieder eine gute Gelegenheit, Geld in Berlin auszugeben. Wir wissen ja, dass die Stadtkasse mehr als leer ist. Außerdem sparen wir eigentlich, weil hier alles ein bisschen billiger ist. So wird man am Imbiss schon für 2 Euro satt und tut noch was Gutes. Auf dem Rückweg treffen wir im U-Bahnhof Friedrichstraße einen Mann mit schwarzem Hut, der am Bahnsteig sein Geld mit Zither-Spielen verdient. Manu fragt ihn, ob wir als Touristen ein Foto von ihm machen dürfen. Die Zigarette sehr künstlerisch im Mundwinkel nickt er. Auf diesen Moment scheinen noch andere gewartet zu haben, plötzlich blitzen vier oder fünf Kameras los.

 

Berlin - Heckmann-Höfe

Fotogen: Heckmann-Höfe

Sogar Shopping-Tipps für zu Hause bekommt man in Berlin, wenn man mit großen Sight-Seeing-Augen durch die Viertel läuft. Wir jedenfalls laufen im Ampelmännchen-Geschäft in den Hackeschen Höfen einem gewissen James in die Arme, der uns nicht nur unaufgefordert den Weg zu weiteren Höfen anhand eines paratliegenden Stadtplans aufzeigt. Nein, auch für Düsseldorf hat er einen Insider-Tipp, was Konsumieren angeht, kennt er doch DEN Schuhladen. Aber erstmal sind wir ja noch in Berlin. Ich kaufe ein preisgünstiges Pappteller-Set mit dem berühmten Ampelmännchen. Kann man gut mal jemandem zur Einweihungsparty schenken.

 

Welche Insider-Tipps für Berlin hatte James doch gleich? Die Heckmann-Höfe, ganz frisch gemacht, süße Läden und nett zum Sitzen. Da waren wir allerdings gerade vorher. Also können wir James schon sofort Recht geben: Die Höfe lohnen sich. Wie bei den den Hackeschen Höfen sind mehrere miteinander verbunden, und man findet ebenso exklusive Boutiquen, nur ein wenig kleiner alles. Hier gibt es auch eine winzige Bonbon-Fabrik, die man schon einige Meter vor dem Eingang am süßen Duft erkennt. Über die Theke hinweg kann man einen jungen Mann beim Hantieren mit dem Teig beobachten. Anschließend bietet er noch warme Frucht-Drops an. Die schmecken nicht bloß gut, sondern sehen in dieser Menge, wie sie sich bunt türmen, auch sehr hübsch aus. Ich kaufe sie nur nach Farben.

 

Jüdisches Café in Berlin-Mitte

Jüdisches Café in Berlin-Mitte

In dem ganzen Viertel zwischen Chausseestraße und Oranienburger Straße gibt es eine Vielzahl junger Cafés, Bistros und Restaurants, vor denen die Gäste auf der Straße sonnig sitzen. Ideal, um es sich beispielsweise nach dem Besuch einer der umliegenden Galerien zu einem Gespräch über die Fotos der Ausstellung gemütlich zu machen. Für den nächsten Mittag planen wir aber ausgedehntes Brunchen in der Kastanienallee am Prenzlauer Berg. Allein schon der Name des Cafés "Ein Sonntag im August" zieht uns dahin. Und für 3,50 Euro ein appetitliches Frühstücksbuffet mit Salaten und Blick auf das Treiben der Straße ist auch wirklich mehr als in Ordnung. Es gibt sogar ein Bett, in dem man sich nochmal vom Aufstehen erholen kann. Auch hier findet man natürlich kleine Geschäfte mit abgefahrenen Taschen, T-Shirts und buntem Plastik in allen Formen.

 

Aber wir brauchen noch ein wenig Geld für den Flohmarkt am nächsten Morgen auf dem Bockshagener Platz in Friedrichshain. Dort ist nämlich zwar ein Markt namens "Flohmarkt" - auch mit typischen Flohmarktartikeln - aber nicht immer mit den entsprechenden Preisen. Es gibt ganz tolle Siebziger-Jahre-Lampen und einiges andere aus der Zeit; und weil die Profi-Händler recht genau wissen, was gerade als toll gilt, nehmen sie direkt noch einen tüchtigen Kult-Aufschlag. Dann kaufe ich direkt eine neue Tasche, die ist mit ihrem orientalischen Aufdruck auch toll und außerdem billiger. Und für die Rückfahrt bietet sie eine Menge wertvollen Stauraums.

 


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