Widukindstadt Enger - die Geschichte einer ‘Bekehrung’
geschrieben von zlatan i. (18. Mai 2010)

Wittekindsbrunnen in HerfordMehr als zehn Jahre lang kämpfte der legendäre Sachsenherzog Widukind (Wittekind) erbittert gegen die Unterwerfung des Sachsenlandes unter das Fränkische Reich von Karl dem Großen. Im Jahre 785 musste der alt und kriegsmüde gewordene Widukind schließlich die Aussichtslosigkeit seines Widerstandes gegen die militärisch überlegenen Franken einsehen. Der heidnische Sachsenherzog kapitulierte und ließ sich taufen, unterwarf sich also Karls Christianisierungpolitik. Der „letzte Germane“ (so ein Autor in der Wissenschaftszeitschrift „GEO Epoche”) schwor seinen alten Göttern Donar, Wodan und Saxnoth ab. In einigen Klosterannalen wird behauptet, dass Karl der Große höchstpersönlich die Rolle des Taufpaten übernommen hat. Die fränkischen Reichsannalen erwähnen Karls Taufpatenschaft freilich nicht. Nach seinem Tod (als mögliches Todesjahr wird 807 angenommen) wurde Widukind wahrscheinlich im Ursprungsbau der Stiftskirche von Enger, einer Stadt nahe Herford, beigesetzt.

Doch trotz seiner Unterwerfung: Für die Westfalen, Niedersachsen und Sachsen war der sächsische Adlige Jahrhunderte lang ein Symbol ihrer regionalen Identität. Nach der Taufe Widukinds, die laut fränkischen Reichsannalen in Attigny (Ardennen) vollzogen wurde, soll Karl der Große dem Sachsen ein weißes Ross als Taufgeschenk übergeben haben. So berichtet es jedenfalls eine christliche Legende. Das weiße Ross ziert heute die Landeswappen von Niedersachsen und (Nordrhein-)Westfalen. Das schwarze Pferd hingegen, das Widukind vor seiner „Bekehrung“ geritten und in seinem Feldzeichen getragen haben soll, findet man weiterhin im Wappen des Kreises Herford.

Am letzten Wochenende stattete ich dem westfälischen Herford und der Widukindstadt Enger einen kleinen Besuch ab. Natürlich hatte ich auch eine Digicam dabei.

Auf dem Bild oben sieht man den Wittekind-Brunnen in Herford, der 1899 erstmals erbaut wurde. 1942 haben die Nazis das Denkmal zu Rüstungszwecken eingeschmolzen, 1959 wurde es neu erschaffen. Der Wittekindsbrunnen bildet die Sage vom „Bergkirchener Quellwunder“ ab, die Widukinds Übertritt zum Christentum, die eher einen Akt politisch-millitärischer Unterwerfung darstellte bzw. symbolisierte, mystisch zur “Bekehrung” infolge eines erlebten Wunders umdeutet: Widukind ritt danach durchs Wiehengebirge und grübelte, ob seine alten germanischen Götter oder der „Gott Vater“ der Christen den wahrhaften Glauben repräsentieren. Von Christengott erwartetet er einen Existenzbeweis: “Ist der neue Gott der richtige, soll er mir sofort ein Zeichen geben”. Und der Christengott zierte sich der Sage nach nicht: Als Widukinds Ross mit seinem Huf einen Stein aus dem Untergrund losscharrte, schoss plötzlich Quellwasser aus dem Boden. Der durstige Sachsenherzog stieg ab, kniete sich hin und trank von dem frischen Wasser.

In Enger, der “Widukindstadt”, hat man dem Sachenherzog ein Museum gewidmet, das direkt neben der Engeraner Stiftskirche liegt, in der - bzw. in deren Ursprungsbau - Widukinds wahrscheinlich begraben wurde.

Hier das Gebäude des Widukindmuseums …

Widukindmuseum in Enger

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… und hier einer der Eingänge der Stiftskirche:

Eingang Stiftskirche Enger

Im Widukindmuseum gibt es u. a. Ausstellungsstücke zu den Sachsenkriegen, zur Engeraner Stiftskirche und zu den politisch-ideologischen “Widukind-Bildern”, die in verschiedenen historischen Epochen verbreitet waren. Nazis wie SS-Chef Himmler, NS-Chefideologe Rosenberg oder “Reichsbauernführer” Darré - um ein Beispiel zu nennen - sahen im Sachsenherzog einen “Bewahrer der Rassereinheit” und Verteidiger des “arteigenen Glaubens” gegen das (wie man heute wohl sagen würde) multi-ethnische Fränkische Reich. Hitler fühlte sich in seinem Größenwahn allerdings eher von Karl dem Großen angezogen. Nicht zuletzt verehrte er den Franken, weil dieser es fertiggebracht habe, “die deutschen Querschädel zueinander zu bringen” (Hitler, Tischgespräche). Die Nazis relativierten daher ihre Widukind-Bewunderung später. Karl wurde als Schöpfer des “Ersten Reiches” apostrophiert. Sein riesiges Herrschaftsgebiet und seine - oft rücksichtslose - Eroberungspolitik wurden gleichsam zum historischen Leitbild für ein Mitteleuropa unter deutscher Kontrolle. Nichtsdestotrotz weihten die Nazis 1939 im Haus des heutigen Museums mit viel Pomp eine “Widukind Gedächtnisstätte” ein. Die Schirmherrschaft über die völkische Blut-und-Boden-Weihestätte übernahm Himmler, ein glühender Anhänger des damals grassierenden “Germanenkults”. Himmler kam allerdings nicht persönlich zur Einweihung nach Enger.

Das Widukindmuseum zeigt zu Dokumentationszwecken u. a. eine Widukind-Büste aus der NS-Zeit. Die Büste ist - wie noch weitere Ausstellungsstücke, die aus der nazistischen “Widukind Gedächtnissstätte” stammen - in einem vergitterten Regal untergebracht.

faschistische Widukind-Büste von Paula Münter

Die Frage, ob der legendäre Sachsenherzog tatsächlich in der Engeraner Stiftskirche (bzw. ihrem Ursprungsbau) beigesetzt wurde, kann und soll hier - in einem Reiseblog - nicht näher diskutiert werden. Klar ist aber, das einige Indizien dafür sprechen. Im Widukindmuseum wird der Besucher hervorragend in die Problematik eingeführt.

Zu sehen gibt es im Museum u. a. das Replikat einer um 1100 entstandenen Grabplatte, die Widukind im Ornat eines Priesterkönigs zeigt. Das Original befindet sich in der Stiftskirche von Enger. In der Stiftskirche sind zudem in einem hölzeneren Schrein Gebeine untergebracht, die man lange Zeit für die von Widukind hielt. In den 1970er Jahren wurde dieser Irrtum definitiv widerlegt, zum Teil handelt es sich um Knochenfragmente einer jungen Frau.

Grabplatte mit dem Abbild Widukinds

Ebenfalls in den 1970er Jahren fand man allerdings im Chor des frühmittelalterlichen Ursprungsbaus der Stiftskirche die vermutlich echten Gebeine des Sachsenherzogs. Eine “Welle der Erleichterung” soll damals durch Enger gegangen sein, schließlich war (und ist) man vor Ort stolz auf den Status als Widukind(-Begräbnis)-Stadt. Widukinds mutmaßliches Skelett füllt in der Totenstätte das mittlere von drei symmetrisch angeordneten Gräbern. Auch von dem Grabkomplex mit seinen drei Skeletten gibt es im Widukindmuseum eine Nachbildungung in Originalgröße zu sehen.

Nachbildung Widukind-Grab

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Vom alten Engeraner Widukind-Denkmal, das von 1903 bis 1942 am Kirchplatz stand, ist heute nur noch der Sockel vorhanden. Auch dieses Denkmal fiel dem Materialhunger der NS-Rüstungsindustrie zum Opfer. Nach dem Krieg wurde es - im Gegensatz zum Wittekindsbrunnen in Herford - nicht wieder hergestellt. An der Fassade des “Herzog Wittekind Hotels” in Enger kann man eine große Abbildung des alten Widukind-Denkmals sehen (siehe links auf dem Foto):

Herzog Wittekind Hotel in Enger

Mehr Bilder zu Widukind und Enger bei Urlaub-im-web
Bilder von Widukind-Sehenswürdigkeiten in Minden und Porta Westfalica
Bilder von Widukind-Sehenswürdigkeiten deutschlandweit
Link zum Widukind-Museum in Enger


Kommentare:
6 Kommentare zu "Widukindstadt Enger - die Geschichte einer ‘Bekehrung’"
MT am 28. Oktober 2010 um 15:40

Hallo,

ein wirklich gelungener Beitrag speziell über Widukind. Sie sollten sich wirklich überlegen ob Sie Ihren Beitrag nicht wissenschaftlich belegen und an anderer Stelle veröffentlichen. Eine sog. Wiki-Seite (nicht Wikipedia) an der man sich evtl. beteiligen kann, wär auch nicht verkehrt. Die Gräberöffnungen im frühen Heiligen Römischen Reich haben bestimmt nicht halt gemacht vor Widukind, um das HRR zu untermauern. Beispiele für Gräberöffnungen sind das Pallas Grab (im Roman von Veldeke), Grabstätte Karls des Großen und die Graböffnungen in Rom weisen darauf hin, dass man versucht hat eine Verbindung zum alten Rom herzustellen. In diesem Kontext lässt sich auch vermuten, warum die Grabplatte in der Stiftskirche aus dem 11. Jahrhundert stammt. Würde zumindest in dieser Zeit passen. So oder so ähnlich. Auf jeden Fall ein guter BERICHT. MfG


MT am 28. Oktober 2010 um 15:53

P.S. Die Gräberöffnungen werden bei der historischen Aufarbeitung immer ausser Acht gelassen. Macht gerade in diesem Fall kein Sinn, wenn man ein Reich auf die Hinterlassenschaften Karls des Großen errichten möchte und dann nachzugucken, ob es Widukind wirklich gegeben hat. Schließlich verdanken wir ihm den christlichen Glauben (wenn man aus Westfalen kommt). Aber leider ließt man darüber nie was, weil es irgendwie jeder übersieht.


zlatan i. am 28. Oktober 2010 um 22:31

Hallo!

Leider bin ich kein Historiker. Wir haben uns aber zum Ziel gesetzt, größere Bildergalerien mit Fotos von diversen “Widukind-Sehenswürdigkeiten” zusammenzustellen. Schließlich betreiben wir eine Seite für Touristen. Die am Fuße des Textes verlinkten Galerien sind ein Anfang. Nach und nach sollen die Galerien thematisch immer feiner gegliedert und inhaltlich komplettiert werden.


Armbürster am 4. Februar 2011 um 09:17

“In Attigny (Ardennen) vollzogen wurde, soll Karl der Große dem Sachsen ein weißes Ross als Taufgeschenk übergeben haben. Das Ross ziert heute die Landeswappen von Niedersachsen und (Nordrhein-)Westfalen.”
Wusste ich gar nicht. Gibt es irgendwo Festspiele die diese Szene nachspielen. Um dieses historische Ereignis müsste man doch ein tollen Event (mit Bauern- und Handwerkermarkt -Widukindbier oder Met und Widukindplatte :-) … ) initieren können..


zlatan i. am 4. Februar 2011 um 22:40

Hallo!

Ich habe an der fraglichen Stelle zur Präzisierung den Satz “So berichtet es jedenfalls eine christliche Legende” hinzugefügt. Der Wahrheitsgehalt der unzähligen Sagen und Legenden rund um Widukind ist natürlich höchst fragwürdig. Das allermeiste kann man nicht mehr klären. Allerdings haben die Leute in den jeweiligen historischen Epochen daran geglaubt und sich in ihrem Handeln daran orientiert. Insofern waren diese Sagen historisch zwar - höchst wahrscheinlich - nicht korrekt, aber historisch “wirkungsmächtig” (ich glaube, Karl Marx benutzt diesen Ausdruck irgendwo). Manche Widukind-Sagen wurden noch bis in die 1970er Jahre hinein in wissenschaftlichen Abhandlungen für bare Münze genommen.

Ansonsten: Von Festspielen zum Gedenken an das “Umsatteln” Widukinds weiß ich nichts :-).


Schmidt Michael am 16. Dezember 2011 um 23:52

Widukind von Corvey beschreibt in seiner Niederscgrift sächsischer Geschichte für eine ottonisch-kaisereliche Prinzessin,
einen glaubwürdigeren Grund für die Aufgabe der Kämpfe
Wittekinds gegen Karl…
die nicht mehr gleich schnell mögliche Reproduktion des sächsischen Volkes und seiner Krieger gegenüber der immer neu aufgestellten Truppen
Kaiser Karls aus allen Gebieten des großen Karlsreiches
-auf Grund der länge des Krieges
-Tod auch von Frauen
-Verschleppung/Deportation und Vertreibung von Frauen,Kindern und Alten


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