Tanz mit mir den Varus. Ein Besuch in Haltern am See
„2.000 Jahre Varusschlacht“ ist zweifellos das historische Top-Thema des Jahres (Zeitgeschichte sei hier einmal ausgespart). Und wer - wie ich - das Glück hat, in Nordrhein-Westfalen zu wohnen, für den liegen alle Ausstellungsorte zur Varusschlacht (bzw. zur „Schlacht im Teutoburger Wald“) in leicht erreichbarer Nähe.
Besuche in Detmold (Hermannsdenkmal und Sonderausstellung „Mythos Arminuis“ im Lippischen Landesmuseum), in Haltern am See (u. a. Sonderausstellung „Imperium“ in der Halterner Seestadthalle) sowie in Kalkriese (Museum und Park Kalkriese, Sonderausstellung “Konflikt”) gehören für mich daher in diesem Jahr zum „Pflichtprogramm“.
Nachdem ich vor zwei Wochen bereits das Hermannsdenkmal besucht hatte (im Rahmen einer Wanderung über die Hermannshöhen), ging es diesmal nach Haltern am See.
Haltern ist heute eine kleine, eher unbedeutende Stadt im nördlichen Ruhrgebiet mit 38.000 Einwohnern. Zur Zeit der Varusschlacht war die Rolle der Stadt ungleich gewichtiger: Die Römer hatten Haltern (aller historischen Wahrscheinlichkeit nach) die Rolle des Verwaltungs- und Militärzentrums ihrer (wahrscheinlich) geplanten „Provinz Germanien“ zugedacht. Dass man sich in der Ausstellung „Imperium“ auffällig viel Mühe gibt, das einseitig negative Bild zu relativieren, das die frühe deutsche Geschichtsschreibung vom Statthalter Quinctilius Varus zeichnete (und von römischen Autoren übernommen hatte), könnte man insofern als Ausdruck später Dankbarkeit interpretieren. Haltern als eine der wichtigsten Städte Germaniens - diese Vorstellung mag manchem Halterner schmeicheln. Kapitole der neuen Provinz sollte allerdings vermutlich Köln werden.
Abseits dieser unseriösen Bemerkung ist Fakt (Quelle Wikipedia): Auf dem heutigen Stadtgebiet Halterns gab es mehrere teils befestigte römische Lager und Kastelle sowie einen römischen Hafen an der Lippe. Tausende römische Soldaten waren hier stationiert und mussten versorgt werden. Viele Funde aus dieser Zeit sind im LWL-Römermuseum in Haltern ausgestellt.
Leider konnte ich diesem Museum aber nur eine kurze Stippvisite abstatten (keine Fotos!), dafür bliebt viel Zeit für den Besuch der “Imperium”-Ausstellung in der Seestadthalle.
Hier der Eingang der Seestadthalle:
Über der Eingangstür prangt, halb vom Baum verdeckt - ja, wir haben noch Spätsommer, die Bäume tragen noch Laub! -, der berühmte Ausspruch des Kaisers Augustus nach der verheerenden Niederlage der Römer: “Quinctilius Varus, gib mir die Legionen zurück”.
Die Ausstellung “Imperium” widmet sich der “Verliererseite” der Varus-Schlacht - dem Römischen Reich, das vor Zweitausend Jahre den vorläufigen Höhepunkt seiner Macht erklommen hatte. Der personenbezogene Focus richtet sich auf Kaiser Augustus (dessen innen- und außenpolitische Leistungen herausgestellt werden) und natürlich auf seinen Statthalter in Germanien: Quinctilius Varus. Ein Strang der musealen Darstellung verfolgt den Weg des Varus von Italien über Nordafrika und Syrien bis nach Germanien. In der Ausstellung wird eine kleine, in Afrika geprägte Münze mit seinem Namen und Antlitz gezeigt. Über die Augustus-Zeit hinaus erhält der Ausstellungs-Besucher zahlreiche Einblicke in den weiten historischen Weg Roms vom Dorf auf sieben Hügeln zur Weltmacht.
Ein eigenes fachgerechtes Urteil über die Ausstellung fiel mir natürlich schwer (schließlich bin ich weder Historiker noch “Museumspädagoge”). Klar ist aber ohnehin, dass die Ausstellung “Imperium” hochprofessionell gestaltet und ausgestattet ist, auf hochkarätige Exponate internationaler Museen zurückgreift und einen guten Zuschauerzuspruch erfährt.
Einige Austellungsstücke stachen jedoch - aus Sicht des Laienurteils! - hervor (vor ihnen sammelten sich die meisten Leute, hier wurde am meisten fotografiert …). Als da zum Beispiel wären:
Die Statuen der Familie des Kaisers Augustus (Augustus ist der dritte von rechts),
die Statue eines römischen Statthalters mit Ahnenbildnissen
und der Grabstein des Marcus Caelius, „gefallen im Krieg des Varus“.
Nach dem Ausstellungsbesuch unternahm ich noch einen kleinen Spaziergang zum Halterner Stausee. Zum Baden war es freilich schon zu kalt, stattdessen konnte ich einen kurzen Blick auf die “Victoria”, den Nachbau eines römischen Kriegsschiffes werfen. Die “Victoria” liegt bzw. lag vom 10. bis zum 16. September am Stausee vor Anker.
Foto am Textanfang oben rechts: Varus nach der Niederlage. Bronzeskulptur in Haltern.