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Die Abtei Royaumont in der Ile de France
Aus dem angelehnten Fenster dringt eine Cellosuite von Bach. Die Töne vermengen sich im Park mit dem Plätschern des Baches und dem Geschnatter der Gänse. Insekten summen zwischen Ringelblumen und Kamillen. Friedlich geht der Nachmittag in Royaumont dahin. Die Abtei liegt nur 35 Kilometer nördlich von Paris, und ist doch meilenweit vom Trubel der französischen Hauptstadt entfernt. Schon im 13. Jahrhundert gefiel der Ort den Mönchen wegen seiner Ruhe und Abgeschiedenheit. Auf Geheiß des Königs Ludwig IX. gründeten Zisterzienser 1228 eine Abtei und nannten sie Royaumont (Königsberg). Heute ist die Abtei ein Kulturdenkmal und Schulungszentrum für Musik- und Tanzstudenten.
Sechs Jahrhunderte kirchliche Gemeinschaft
Die Bedeutung des Klosters schwankte im Laufe der Jahrhunderte. Seine Hochzeit hatte es gleich zu Beginn, im 13. Jahrhundert lebten in Royaumont bis zu 150 Mönche und Laienbrüder. Der Orden konnte sich bis ins 18. Jahrhundert hinein behaupten, obwohl am Ende nur noch 15 Mönche in Royaumont lebten. Nach der Französischen Revolution wurde der Besitz verstaatlicht, 1791 wurde die Abtei zur Baumwollmühle umfunktioniert. Die imposante Kirche rissen die Menschen nieder und aus den Sandsteinen erbauten sie neue Häuser. Nur ein Pfeiler der Kirche ragt noch wie eine Rakete in den Himmel, zudem sind die Grundrisse und eine Mauer stehen geblieben. Die Fabrik schloss 1860 ihre Pforten. 1869 zogen Nonnen in die Abtei, der Gebäudekomplex wurde renoviert. 1905 kaufte die Familie Goüin den Besitz, jetzt gehört das Anwesen zur Royaumont Stiftung. Die Stiftung bemüht sich, neben der Klosterzeit auch die Ära als Industriestandort für Besucher abzubilden.
„Garten der neun Quadrate“
Die Mönche waren fleißige Gärtner. Neben Wein bauten sie Heilkräuter und Gemüse an. Der „Garten der neun Quadrate“ rekonstruiert einen mittelalterlichen Garten. Er liegt an der Außenmauer des Refektoriums und wird alle zwei, drei Jahre unter einem neuen Motto gestaltet. Themen sind beispielsweise die Heilkräuter der Hildegard von Bingen oder Pflanzen für die Färberei. Manche der mittelalterlichen Pflanzen dürften heute wegen ihrer Gift- oder Drogenkomponenten nicht mehr ohne weiteres angebaut werden, gesteht eine Mitarbeiter der Stiftung. Der Gang durch den Garten ist erholsam und lehrreich.
Latrinen und Kanäle
Ein Flügel Royaumonts diente den Mönchen als Latrine. Die Aborte lagen über einem Abwasserkanal, der die Fäkalien und die Küchenabfälle vom Kloster fortspülte. Heute ist die Latrine zu einem Veranstaltungssaal umfunktioniert, aber Glasbausteine geben den Blick auf den ehemaligen Abwasserkanal frei. Das heutige Kanalnetz Royaumonts stammt aus der Baumwollmühlenzeit. Die Klosteranlagen wurden zwecks Energiegewinnung im 19. Jahrhundert ausgebaut und verfeinert. Heute schwimmen fette Karpfen in den Gräben.
Refektorium und Kreuzgang
Der Kreuzgang der Abtei ist erhalten geblieben, obwohl Details der Kapitelle und Fensterbögen verloren gegangen sind. Die steinernen Verzierungen wurden teilweise rekonstruiert. Das Refektorium wurde mit dem Einzug der Nonnen im 19. Jahrhundert zur Kirche umfunktioniert. Die zierlichen gotischen Säulen, die hohe Decke und die zahlreichen Fenster machen den Raum heiter und hell. Heute dient es als Konzert- und Veranstaltungssaal. Neben dem Refektorium liegen die Küchen- und Kellerräume. Ein Raum der Abtei vereint Holzskulpturen aus verschiedenen Jahrhunderten. Eine kürzlich von der Stiftung aufgekaufte musikalische Sammlung soll ihren Platz in eigens dafür hergerichteten Räumen finden. Unter den Dokumenten sind Originalpartituren bekannter Komponisten.
Internationale Meisterkurse
Royaumont ist eine angesehene Adresse für Meisterkurse für angehende Musiker und Tänzer aus der ganzen Welt. Die Kurse werden großzügig bezuschusst und sind deshalb für jeden Geldbeutel erschwinglich, Verpflegung und Unterkunft sind in den Teilnahmegebühren enthalten. In der Abgeschiedenheit der Abtei müssten sich die Musiker zwangsläufig aufs Proben konzentrieren, erzählen die Betreuer lachend. Denn schon der Weg zum nächsten Zigarettenkiosk ist weit. Informationen zu den Kursen gibt es unter www.artisteroyaumont.com
Festival
Im Spätsommer und Herbst läuft die „Royaumont Saison Musicale“. Der Mix aus Konzerten und Musiktheater umfasst auch ein umfangreiches Programm für Kinder. Außerdem können Besucher zu einigen Konzerten „Diners“ mitbuchen und mit den Musikern und Komponisten plaudern. Die Eintrittspreise sind moderat, damit möglichst alle sozialen Schichten das Angebot nutzen können.
Autorin: Berit Böhme
Service
Die Abtei ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, von November bis März schließt sie bereits um 17.30 Uhr. Führungen werden an den Wochenenden und Feiertagen angeboten.
Erwachsene zahlen 6 Euro, ermäßigte Eintrittskarten kosten 4,50 Euro. Eine Familienkarte gilt für die Eltern plus ihre minderjährigen Kinder und kostet 18 Euro (Stand: 2008).
Die Abtei ist nicht an den öffentlichen Nahverkehr angebunden, der nächste Bahnhof liegt fünf Kilometer entfernt.
Die Abtei liegt in Nachbarschaft zu geschützten Wald- und Feuchtgebieten. Vogelfreunde sollten ihr Fernglas nicht vergessen und einen Abstecher in den Naturpark Oise-Pays machen.
Mehr Informationen auf der Seite www.royaumont.com



